Wunder bleiben unberechenbar

Die Graffiti von Ines Diederich sind „Bio“ und müssen darum erst langsam wachsen, wie das in der Natur nun mal ist. Dafür halten die grünen Schriftzüge oder kunstvollen Ornamente auf Beton oder Keramik lange.
Im Atelier in Vogelsang entstehen gerade neue Tongefäße, die den Nestern afrikanischer Webervögel oder wilden Bienenstöcken ähneln. Sind die im Ofen gebrannt, wird die raue Oberfläche der Objekte aus Ton später mit Moos bewuchert. Kunstobjekte aus der Hand der Bildhauerin werden so naturalisiert.

„Der Garten ist mein persönlichstes künstlerisches Werk, von der großen Co-Autorin, zu der ich bewundernd aufblicke, mit geschaffen“, sagt die Künstlerin aus dem Vorwerk des Dörfchens Grauenhagen an der Landesgrenze zu Brandenburg. Sie freut es ganz besonders, dass ihr damals erster Auftrag im öffentlichen Raum im Nordosten, eine lebensgroße Terrakottaplastik mit dem Titel „Flora“ quasi als Hüterin des Lenné-Parks von den Wolfshagenern bis heute selbst wohl gehütet wird.

1986 ist Ines Diederich als freischaffende Bildhauerin nach ihrem Studium in Berlin Weißensee hierhergekommen, in die Natur. Hat begonnen, zwei marode Schnitterkaten auszubauen. „Anfangs habe ich noch hier in der Küche gearbeitet“, erinnert sie sich. Wohnhaus und Atelier entstanden erst Schritt für Schritt. Ein Kredit ermöglichte ihr, einen Brennofen in die Werkstatt zu stellen und nach und nach die Kunst auszuprobieren, von Kunst leben zu können.

„Wir suchten damals, Anfang der 1980er Jahre, von Feldberg aus einen Wohnort. Entweder waren die alten Bauernhäuser bis auf die Grundmauern heruntergekommen. Oder es stand schon das Auto eines Berliner Bäckermeisters vor der Tür“, beschreibt sie die Suche damals nach einem Ort zum Arbeiten und zum Leben. Die Nähe zu Berlin war gewünscht. Doch raus aus der Stadt wollte die naturverbundene Künstlerin unbedingt.

Im künstlerischen Austausch mit der Natur

Pflanzen, Tiere und den Menschen harmonisch in Verbindung zu setzen. Die sie umgebende Welt zum Ort von Frieden und Einklang zu gestalten, daran arbeite sie als Künstlerin, seit sie in Mecklenburg lebt und arbeitet. Kunst für Tiere und Pflanzen möchte Ines Diederich den Menschen kreieren. Im stetigen künstlerischen Austausch mit der Natur.

Es können Terrakottaplastiken sein, die umsichtig in Gärten oder Parks eingefügt werden. Oder Arbeiten mit Naturmaterialien wie Holz oder das erwähnte Moos als Ornament oder Schrift-Botschaft oder andere Pflanzen, die mit künstlichen Formen, ihren kunstvollen Arbeiten in eine Symbiose gebracht werden. Das Spannende: Die Künstlerin überlässt ihr Werk der Natur und beobachtet, was die große Schöpferin damit anfängt. Das Wunder der Fruchtbarkeit, des Keimens, Wachsens, Blühens, Fruchtens, Reifens sei, wie alle Wunder, nicht zu erklären durch nüchterne Fakten – wie die Menge des ausgebrachten Humus‘, die Bewässerung oder anhand von Wetterdaten.

„Kunststück Garten“ nennt sich eine Aktion, ein thematisches Ausstellungsprojekt in Galerien, Ateliers und Gärten, dass sie bereits im siebenten Jahr mit ihren Kolleginnen Christina Pohl (Christianenhof), Sabine Kalicki (Grünz) und Charlotte Bieligk (Friedrichswalde) angeht. Am 4. und 5. Juni sowie am 10. und 11. September laden die vier Frauen ins Grenzland zwischen Mecklenburg und Brandenburg, in die Natur der Feldberger Seenlandschaft, der Uckerniederung und der Schorfheide. In ihre Gärten und Werkstätten. „Viele kommen immer wieder. Manche sitzen drei, vier Stunden im Grünen und lassen Kunst und Natur auf sich wirken, suchen das Gespräch mit uns Künstlerinnen“, freut sich Ines Diederich bereits auf diese Aktion, die bereits zur Tradition geworden ist.

Für ihre Heimatregion rings um den Großen und den Dammsee hat die Künstlerin mit Gleichgesinnten, wie Nils Graf, dem Antiquar in Fürstenwerder, auch ganz neue Pläne. Buchhändler Graf hat sein Geschäft im Brandenburgischen und wohnt im Gutshaus in Grauenhagen gleich in der Nachbarschaft der Bildhauerin.

Alte Geschichten aus der Region sammeln

Gemeinsam mit weiteren Gleichgesinnten gründen sie gerade einen Verein, der den alten Landweg zwischen der Uckermark und Mecklenburg mit Kulturangeboten beleben soll. „Kultur am Großen See“ soll der Verein heißen. Kultur und Natur soll für Einheimische und Touristen in Verbindung gebracht werden. Umweltprojekte möchte der neue Verein aber ebenso anstoßen, wie Lesungen, Konzerte und Ausstellungen am Wegesrand organisieren, wünscht sich Ines Diederich.

Bei Ines Diederich können solche Veranstaltungen demnächst wahlweise im Garten oder im Verbindungsbau zwischen Wohnhaus und Atelier stattfinden, der jetzt im Winter noch fertig ausgebaut wird.

Auch ihr „Grüner Salon“ kann so wieder an seinen Ausgangsort zurückkehren. Mit den Gesprächsrunden zwischen Grauenhagener Nachbarn und Kunst- wie Naturinteressierten, die in den vergangenen Jahren an verschiedenen Orten stattfanden, möchte Ines Diederich gern auch „alte Geschichten aus der Region“ sammeln und das Wissen über Dorfleben und die Natur ringsum bewahren. Im Frühsommer werde sie vor allem die Einheimischen zum nächsten Salon persönlich einladen, kündigt sie an.

Auch zum 11. Tag der offenen Töpferei, am 12./13. März seien Besucher im Vogelsang Nr. 1 ebenfalls sehr willkommen. An diesem Datum öffnen fast 100 Keramiker und Bildhauer aus ganz Mecklenburg-Vorpommern ihre Ateliers und wollen zeigen, was gerade frisch aus ihren Brennöfen kommt, über ihre Arbeit reden und gern auch das eine oder andere Stück verkaufen.

Die bemoosten Tonobjekte werden dann vielleicht bereits einen passenden Platz in Ines Diederichs Garten gefunden haben und langsam zuwachsen, eine Verbindung mit der Natur eingehen. Vielleicht nisten auch Vögel drin. „Ein anderes Objekt hatte ich eigentlich für die Blaumeisen getöpfert. Die wurden jedoch von den Baumhummeln verdrängt“, erzählt sie lachend von den Unwägbarkeiten der Natur, die sie immer wieder beobachtet und bestaunt.

Die größere Unwägbarkeit jedoch ist und bleibt der Mensch. Darum hat die Künstlerin auch einen giftgrünen Kanister mit der umstrittenen und häufig eingesetzten Pflanzenchemie Roundup zwischen eine Installation mit Moosgraffiti, Bienenwaben aus Holz und Insektennestern aus Ton jüngst in eine Ausstellung im Kloster Dargun „geschmuggelt“.

Bei aller Naturliebe ist manchmal auch ein klares politisches Statement, wie etwa hier zu den Gefahren für Natur, Umwelt und auch die Bienen von Nöten.