Weltgeschichte in stiller Landschaft

Wenn in Südamerika eine reichliche Sojaernte eingefahren wird, hat das auch Auswirkungen auf den Rapsanbau in Vorpommern. So sieht es auch der Schwichtenberger Landwirt Peter-Heinrich Rabe. Und deshalb beobachtet er die Globalisierung und die Feldwirtschaft in der Ferne ziemlich intensiv. Gleichzeitig bestellt er seine Äcker fast so, wie es die Familie an unterschiedlichen Orten seit Generationen getan hat, heute noch tut und hoffentlich weiter tun wird.

Der Unterschied zu früheren Zeiten: Er hat dafür modernstes Gerät zur Verfügung, das von motivierten Mitarbeitern wie dem vor 64 Jahren in Schwichtenberg geborenen Peter Broschinski und anderen Mitarbeitern aus den umliegenden Dörfern zum Einsatz gebracht wird. Als Agrotechniker und Traktorist lernte Broschinski sein bäuerliches Handwerk vor 48 Jahren auf dem volkseigenen Gut. 23 Jahre hat er bis Anfang dieses Jahres im neuen, modernen Gutsbetrieb für den Pflanzenschutz gesorgt. „Die Technik ist bedeutend besser geworden“, ist er stolz auf sein Arbeitsleben. Er hat sämtliche Technik über die Felder gefahren – angefangen beim ZT 300 samt seiner bis zu 100 Pferdestärken aus dem DDR-Kombinat namens „Fortschritt“. Zuletzt ist er mit einer Spritze mit 36 Meter breiten Auslegern punktgenau über die Felder geschwebt.

Der Lenz schickt sich wieder an und die Zeit drängt: Frühjahrsbestellung. „Mecklenburg-Vorpommern ist schon immer ein Agrar-Export-Land“, lässt Rabe noch einen Gedanken übers große Ganze zu, bevor er sich der Arbeit zuwendet. Dies erkenne – wer es nur wolle – schon an der hiesigen Infrastruktur. An den großen Speichern entlang der Peene in Demmin, Loitz und Anklam.

Seit Jahrhunderten wird die Ernte der Bauern über heimische Flüsse und die Ostsee dahin transportiert, wo sie gebraucht, verarbeitet und verzehrt wird. Heute laufe die Logistik eben über den Rostocker Hafen. Zu Konsul Jean Buddenbrooks Zeiten ging das Getreide vorpommerscher Güter vielleicht nach Lübeck oder Stettin und von dort weiter nach Skandinavien oder England… Die bäuerliche Wertschöpfung orientierte sich schon immer am Kreislauf der Natur und an den Märkten. Alte Dokumente und vor allem eine wertvolle Kirchenchronik geben darüber Auskunft.

Nur in die sogenannte „Schafwäsche“ unmittelbar am Dorfeingang werden keine Merinoschafe mehr getaucht. Wolle wird in Neuseeland oder Australien am anderen Ende der Welt schon lange günstiger produziert. Der Wandel hinterlässt also spuren.

Einerseits sind alte Gebäude liebevoll erhalten und daneben moderne Anlagen errichtet worden, wie die metallisch in der Sonne funkelnden Trockentürme. Für Rabes ist selbst die bauliche Gestaltung ein sichtbarer Ausdruck sowohl für pragmatisches, wirtschaftliches Denken als auch für ländliche Kultur. „Leben, bearbeiten und bewohnen in einem“, fassen die Landwirte den großen Bogen in einem kurzen Satz zusammen. „Wir denken schon immer über Generationen hinweg und folgen nicht dem Modell eines kurzlebigen Traums.“ Wer, wenn nicht Landwirte, würden mit dem Boden und allen anderen natürlichen Ressourcen auf sorgsame Weise umgehen?

Die großen Bögen der Geschichte hinterließen jedenfalls deutliche Spuren, die man auf dem Hofe hegt, wie die alten Kleinbahngleise, steinerne Jahreszahlen an den Giebeln und Zeugnisse lokalen Handwerks in Holz und Stein. „Ältestes bewahrt mit Treue, freundlich aufgefasst das Neue.“ – ein Lieblingsspruch der Familie frei nach dem Geheimrat und deutschen Dichterfürst Goethe.

In der Eingangshalle des Gutshauses hängt eine auf den ersten Blick unspektakuläre Urkunde, die aber große Bedeutung für die Region hat. Gezeichnet: Fr. Wilhelm:


„Wir von Gottes Gnaden König in Preußen Markgraf zu Brandenburg / etc. etc. … tun kund und zu wissen: Demnach durch die vorigen Zeiten / und besonders in den schweren Kriegs=Troublen in denen Aembtern unsers Herzogthums Vor=Pommern diesseits der Pehne belegen / viele Hufen verwüstet und unbebauet danieder liegen/ daß wir nunmehro bey Gottlob! erfolgten Frieden und besseren Zeiten allergnädigst gemeinet seyn / die Auf- und Anbauung besagter Wüsten, Hofe und Hufen / allermöglichst bewerkstelligen zu lassen / zudem Ende Wir denenjenigen / welche dazu sich in unsern Aembtern einfinden werden / nicht allein einige Frey-Jahre verwilligen / sondern auch ihnen solche Hufen / Erb- und Eigenthümlich eunthun / und die Fortsetzung des hierunter intendirten wieder Anbaues überall befordern lassen / zu dem Ende dazu das freye Bauholz aus Unsern Heyden, und die anbauende mit ihren Kindern und Gesinde / von aller Werbung befreyet wissen / und ihnen dawieder allergnädigsten sichern Schuz leisten wollen…“.


So lockte der Preußenkönig 1721 seine Untertanen hierher – mit Steuererlass, kostenlosem Bauholz und Freistellung vom Wehrdienst. Unternehmergeist und Aufbaulust dagegen lockten die junge Familie Rabe 1991 zum Neubeginn auf das vormals Volkeigene Gut (VEG).

Es gab sogar einen Familienwurzelzweig über Ostpreußen bis nach Stettin, erinnert sich der Hausherr an einen hugenottischen Vorfahr. Dieser lebte in der Pommerschen Metropole als Jurist, war 1814 für Preußen beim Wiener Kongress dabei. Dort wurden nach Napoleons Niederlage die deutschen Grenzen neu festgelegt. Ein Vergleich alter Karten mit Vermessungen der Landschaft neueren Datums zeigt: So wirklich umwerfend waren Veränderungen in dieser Landschaft gar nicht.

In der alten Kirchenchronik vermerkt sind auch damalige Preise für Weizen, Roggen, Hafer und Flachs zu Martini und Johanni. Der Pastor wirtschaftete schließlich üblicherweise als Landwirt im Nebenerwerb. „So viel Geschichte steckt in unserer stillen Landschaft“, bemerkt Annkatrin Rabe. Nochmals sei das alte Kirchenbuch zu Rate gezogen: „Nach einem strengen schneereichen Winter brachte das Jahr 1900 einen äußerst fruchtbaren Sommer, besonders war es ein sehr gutes Obstjahr … Das nach Schwichtenberg eingepfarrte Rittergut Borrentin wurde im Laufe des Sommers von Frau Kammerherrin von Buggenhagen an Herrn van Hooven verkauft. Der neue Besitzer zog im October ein…“

Die Geschichte schlägt große Bögen über dem Leben der Menschen, die auf diesem Lande leben, lieben und arbeiten. Das Wetter tut sein Übriges. Winter werden vom Frühling abgelöst, auf den ein vielleicht – hoffentlich! – guter Sommer folgt. Hebt man den Blick etwas über den Horizont unseres Alltags, sind die ineinander greifenden Kreisläufe von Historie, Natur und der Zeiten erkennbar.

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