Soundtrack wird einfach vom Publikum gesungen

Ralph Schipke

Warum nicht eine schnöde Häuserwand zur Kino-Leinwand werden lassen? Mit der so simplen wie wunderbaren Idee, Film und Stadt zu verbinden, startete die DokART 2014 fürs Neubrandenburger Publikum. Mit dem Gesang klappt es anfangs noch nicht so. Aber dann – auf dem Marktplatz – stimmt der kabarettistischen Stadtführer, ganz in der Tradition von Gotthilf Fischers berühmten Massenchor an: „Ich geh‘ mit meiner Laterne…“

dokART by Night
„Wo wir sind ist vorn. Und wenn wir hinten sind ist hinten vorn.“ © Thema & Absicht/ Ralph Schipke

Rund 300 Filmfans waren gekommen, im Zeichen der „Latüchte“ und teils mit eigener Leuchte, teils mit für zwei Euro erworbenem Lampion, im Schlepptau von Witt durch die dunkle Neubrandenburger Innenstadt zu pilgern. Die Idee der dokumentART-Macher um die neue Festivalchefin Heleen Gerritsen ist mit „dokART by Night“ aufgegangen. Sie haben den Film mitten in die Stadt und die Viertorestädter mit den Filmen aus ganz Europa zusammen gebracht.

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Kino in der Stadt – Häuser- zu Leinwänden. © Thema & Absicht/ Ralph Schipke

Am Vor-Feiertags-Abend entwickelte sich wie vorgesehen eine „magische Atmosphäre“, in der der unerwartet große Zug vom Friedländer Tor, zur Marienkirche, in den Innenhof der Kunstsammlung, zum Markt über Fangelturm zum Restaurant „Berlin“ lustwandelte. Unterwegs gab es Bekanntes und Neues, eine Art „Läuschen un Riemels 2.0“, unterhaltsam eingestreut von Kabarettist und Stadt-(Theater)-Halter Silvio Witt.

dokART by night
Ein Vorgeschmack auf das Filmfestival für die Eingeborenen.

Der immer vorn weg mit knallrotem Bauhelm behütet und pink-signalfarbenem Megaphon vor der dem Lästermaul. Anders hätte er die Menschenmenge auch kaum gelenkt. Gerechnet hatten die Veranstalter mit 50, vielleicht 100 Filmfreunden.Der dann jedoch 60 Meter langgezogene Demonstrationszug mit dem unkonventionellen Stadtführer an der Spitze, erinnerte ein wenig an die legendären Montags-Demos vor einem Vierteljahrhundert. Aus der Stadtgeschichte wusste Witt zu plaudern, einem unverwüstlichen DDR-Wappen, das bei Regen immer noch durchschimmert, von der weltweit einzigen Kaufhof-Filiale ohne Rolltreppe, dem „Mützencafé“ in dem einst Fritz Reuter frühstückte und über so manchen Oststädter, der die Petrosawodsker Straße seit jeher für die „ Petrower Wodka Straße“ hält.
Unterwegs wurden dann an geeigneten Plätzen kurze Filme an Neubrandenburger Häuserwände projiziert.

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Die Jüngern unter den ersten DokART-Gästen des Jahrganges 2014 bekamen so viel Witziges, Interessantes, Skurriles über ihre Stadt zu erfahren. © Thema & Absicht/ Ralph Schipke

Die Techniker der dokART hatten den Applaus der Hunderten voll verdient. Mussten Sie doch die Video- und Tontechnik von Vorführort zu Vorführort bringen, während der Zug samt Laternen sich durch die Stadt schlängelte, es Gelegenheit gab, die Heimatstadt noch ein wenig besser kenne- und verstehen zu lernen. Denn die Umziehenden waren keineswegs nur „alte“ Neubrandenburger, über die allerdings der Allein-Unterhalter an der Zugspitze nicht schlecht staunte – was deren Wissen über ihre Stadt anging. Die Jüngern unter den ersten DokART-Gästen des Jahrganges 2014 bekamen so viel Witziges, Interessantes, Skurriles über ihre Stadt zu Erfahren und dazu Gelegenheit, ein paar ausgesprochen tolle Filme an bizarren Orten zu sehen, die nicht im Programm der DokART vorkommen, sondern exklusiv für diesen stimmigen Abend ausgewählt wurden. Das sollte Appetit auf mehr machen.

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Der Zeremonienmeister Silvio Witt mit Geschichten aus 1001 Nacht in Neubrandenburg. Und schließlich die Fischer-Chöre mit „Laterne, Laterne…“ © Thema & Absicht/ Ralph Schipke