Sex in the City – ganz ökologisch auf dem Dach

Wildbienen
Die Bienen leisten für den Menschen aber weit mehr als die Honigproduktion der domestizierten Bienenvölker bei den Imkern, gibt Kornmilch zu bedenken. Zu den Ökosystem-Dienstleistungen – einem sehr sperrigen Wissenschaftsbegriff – gehöre zu allererst die Bestäubung.

Kelly Ksiazek stapft über den sommertrockenen Rasen auf dem Hochschuldach. Unter ihren Füßen Gräser, Kräuter und Blumen, die der sommerlichen Trockenheit in der prallen Sonne hier oben, hoch über Neubrandenburgs Dächern, widerstehen. Die Wissenschaftlerin aus Chicago hat hier und auf dem Dach des Marktplatz-Centers sowie noch auf acht weiteren Gebäuden in Berlin Fallen aufgestellt. Im Grunewald und am Alexanderplatz. Kellys Fallen sind mit bunter Folie ausgekleidete und mit Flüssigkeit gefüllte Marmeladengläser. Selbst erfunden und gebaut.
Thema & Absicht

„In Deutschland gibt es gute, brauchbare Gründächer“, erklärt die Pflanzenbiologin und Naturschützerin. Daheim in Chicago hat die Doktorandin 2011 ein Buch mit dem Titel „Sex in the City“ publiziert. Untertitel: „Eine Beurteilung der Bestäubung auf begrünten Dächern in Chicago“. Die junge Frau mit den braunen Haaren hat keineswegs Männer-Fallen auf deutschen Dächern aufgestellt. Nein. Sie will in Erfahrung bringen, was hier oben überhaupt kreucht und fleucht.

Unter den Insekten interessieren die junge Wissenschaftlerin heute besonders Hautflügler – solitär lebende Wildbienen. Um mehr über diese Nützlinge und ihre Verwandten zu erfahren, hat sie sich in Neubrandenburg mit Johann-Christoph Kornmilch in luftiger Höhe verabredet.

Unter den Insekten interessieren die junge Wissenschaftlerin heute besonders Hautflügler – solitär lebende Wildbienen. Um mehr über diese Nützlinge und ihre Verwandten zu erfahren, hat sie sich in Neubrandenburg mit Johann-Christoph Kornmilch in luftiger Höhe verabredet. Fotos: Ralph Schipke
Unter den Insekten interessieren die junge Wissenschaftlerin heute besonders Hautflügler – solitär lebende Wildbienen. Um mehr über diese Nützlinge und ihre Verwandten zu erfahren, hat sie sich in Neubrandenburg mit Johann-Christoph Kornmilch in luftiger Höhe verabredet.
Fotos: Ralph Schipke

Der Biologe vom Zoologischen Institut der Uni Greifswald gilt als der Wildbienenexperte in Mecklenburg-Vorpommern schlechthin. Seit 1986 ist er unheilbar am „,Bienenvirus‘ erkrankt“, wie er selbst einschätzt. Es dauert auch nicht lange und er holt im Neubrandenburger Hochschulgarten einen Kescher aus dem Rucksack und geht auf Hummelfang. Der Greifswalder Bienenspezialist kann seiner US-amerikanischen Forscherkollegin einiges über die in unseren Breiten vorkommenden Arten und deren Nützlichkeit für Natur und Mensch erzählen.

„Früher gab es eine Allianz zwischen Mensch und Biene“, ist er überzeugt. Bienen und andere Insekten hätten sogar vom menschlichen Handeln profitiert. „Durch Urbarmachung und Öffnung der Landschaften haben viele Arten erst durch die Urbanisierung einen Lebensraum in Mitteleuropa gefunden“, weiß der Bienen-Forscher zu berichten. Vorher gab es für Einzelbienen und Wespen an hohen Flussufern, Hängen und zwischen Felsgeröll Nist- und Brutplätze.

Aber in seiner „Umgestaltungs-Wut“ sorgt der Mensch inzwischen längst dafür, dass Lebensräume auch vieler Insekten verschwunden sind oder immer knapper werden.

Die Bienen leisten für den Menschen aber weit mehr als die Honigproduktion der domestizierten Bienenvölker bei den Imkern, gibt Kornmilch zu bedenken. Zu den Ökosystem-Dienstleistungen – einem sehr sperrigen Wissenschaftsbegriff – gehöre zu allererst die Bestäubung. „Etwa ein Drittel aller unserer Lebensmittel gäbe es ohne Insekten nicht“, hebt er die Leistung auch der Wildbienen, Hummeln und Wespen hervor. Deutsche und französische Wissenschaftler haben errechnet: Durch das Fehlen von bestäubenden Insekten würde ein wirtschaftlicher Verlust von 190 bis 310 Milliarden Euro pro Jahr entstehen („Economic valuation of the vulnerability of world agriculture confronted with pollinator decline“. Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung 2008).

„Weil einen solchen wirtschaftlichen Wert erst wenige erkennen“, setzen sich Biologen und Ökologen – wie auch Kornmilch und Ksiazek – für die Artenvielfalt in Stadt und Land ein. Trotzdem werden durch intensive industrielle Landwirtschaft, aber auch durch „chemische Keulen“ im Kleingarten Wildbienen und ihre Verwandtschaft in große Gefahr gebracht und durch den Menschen zunehmend ihrer Lebensräume beraubt.

Dächer können die Artenvielfalt sichern

Wildbienen
In solchen „Blöcken“ können Wildbienen ihre Brut unterbringen. Kornmilch stellt sie seinen Forschungsobjekten bereit.

Aber Kelly Ksiazek aus Chicago könnte mit ihren Forschungen das Zünglein an der Waage für das Ausschlagen in eine andere Richtung werden. Zum einen entwirft sie Visionen von „grünen Zukunftsstädten“ mit. Denn die begrünten Dächer sind nicht nur für Menschen, sondern auch für die Artenvielfalt einen gute Sache. „Solche Dächer können fast perfekt eine Prärielandschaft ersetzen, die anderenorts der Mensch den Insekten entfremdet oder zerstört hat“, hoffen Ökologen.

In Deutschland gäbe es solche Dächer, die 20 bis 40 Jahre „in Betrieb“ seien, erklärt die amerikanische Forscherin. „Das älteste, auf dem ich arbeite, ist 120 Jahre.“

Darum stellt sie ihre Fallen für die Wissenschaft in diesem Sommer in Berlin und Mecklenburg auf. Sie will hier Erfahrungen sammeln für eine Dachbegrünung und besseren „Bienen-Sex“ in den Metropolen ihrer Heimat. Dafür hat sie ein Stipendium bekommen und klettert bis Herbst jeden Monat über die Dächer, beobachtet das große Krabbeln, die Pflanzen und zählt akribisch Insekten.

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