„Wolfsjagd“: Mit Opinel und Kamera

Ralph Schipke

Meister Isegrim sorgt für Märchen und Sagen und auch immer wieder für Schlagzeilen. Selbst wenn er gar nicht da ist. Ein Waldspaziergang ohne Wolf, dafür mit einer guten Pilzausbeute ist das Ergebnis der Pirsch entlang der Landesgrenze zu Brandenburg.

Auf der Suche nach Meister Isegrim. © Thema & Absicht/ Ralph Schipke
Auf der Suche nach Meister Isegrim. © Thema & Absicht/ Ralph Schipke

 

Ziemlich aufgeregt kehrte Pilzsammler Olli vor ein paar Tagen aus dem tiefen, dunklen Wald nach Wokuhl zurück. Neben reichliche Grünligen (Tricholoma equestre) an seiner streng geheimen Sammelstelle hatte er noch gar Schröckliches entdeckt. Stinkende Fleischreste und Knochen, eine tierische Grabung mitten im finsteren Wald. Der Wokuhler hatte sich dann aber lieber fix in Sicherheit gebracht und die unheimliche Schonung fast auf der Landesgrenze zu Brandenburg still und heimlich verlassen.

Wer hat hier wen verspeist. Es war offenbar kein Wolf. Greifvögel haben hier wahrscheinlich As gefressen. © Thema & Absicht/ Ralph Schipke
Wer hat hier wen verspeist. Es war offenbar kein Wolf. Greifvögel haben hier wahrscheinlich As gefressen. © Thema & Absicht/ Ralph Schipke

Ein paar Tage später startet ein kleiner Trupp eine Mini-Expedition in den Mischwald irgendwo süd-östlich im Dreieck zwischen Hasselförde, Rutenberg und Benz. Fast wie Schmuggler bewegt sich der Trupp entlang der Landesgrenze zu Brandenburg durch eine Schonung, die zuvor auf der Karte lokalisiert wurde. Olli schildert Erich Gebauer nochmal, was er hier gesehen haben will und nun versuchen möchte, wieder zu finden.

Gehbauer war seit 1971 Revierförster im Mecklenburgischen, kenn sich in diesem Wald allerdings nicht so gut aus, wie jenseits der Grenze. Hatte aber schon Wolfskontakt in freier Natur gehabt und vor zwei Jahren einen Jungwolf-Rüden beobachtet, der sich auf einem Strohballen sonnte. Und er hat im Tierpark Güstrow Wölfe aus nächster Nähe studiert. Traut sich also zu, zu erkennen, ob die vom Pilzsammler beschriebene Stelle eine frische Wolfskuhle sein könnte, in der eine Wölfin mit ihren Jungen Unterschlupf gefunden hatten. „Wäre wirklich eine Wölfin in der Nähe gewesen, wärst du da nicht so einfach weg gekommen“, macht der erfahrene Jäger dem jungen Mann nachträglich noch Angst und Bange. Trotzdem ist der bemüht, zu besagter Stelle im Dickicht zurückzufinden. Die „Bewaffung“ mit Pilzmesser und Opinel verleihen der kleinen Expedition ausreichend Mut, im Zweifelsfall dem Raubtier gegenüber zu treten. Doch Jäger Gehbauer erklärt geduldig, wie menschenscheu der Isegrim in der Realität sei und dass der niemals in friedlicher Nachbarschaft mit den Zweibeinern leben würde, wie etwa Waschbären oder auch Füchse.

Das sind die Spuren von Pflanzenfressern, die Raubtieren als Opfer dienen könnten. Keine Wolf in Sicht. © Thema & Absicht/ Ralph Schipke
Das sind die Spuren von Pflanzenfressern, die Raubtieren als Opfer dienen könnten. Keine Wolf in Sicht. © Thema & Absicht/ Ralph Schipke

Der Waidmann war und bleibt skeptisch. Wieder und wieder lässt er sich die Situation an der vermeintlichen Wolfskuhle beschreiben. So ganz unwahrscheinlich ist es schließlich doch nicht, dass in diesem menschleeren und großen Forstareal zwischen den beiden Bundesländern einzelne Wölfe herum streifen und Reh und Hirsch erbeuten. „Für ein Rudel hingegen wäre hier nicht genug Platz“, meint der Revierförster a. D.

Da! Ein paar bleiche Knochen unter dem Baum erregen die Aufmerksamkeit der spontanen Wolfs-Expedition. Erich Gehbauer winkt ab. Da hätten ein paar Raubvögel As oben auf dem Baum vertilgt. Das erkenne er sicher an den weißen Kotspuren auf den Zweigen.

Nach knapp zwei Stunden wird die Wokuhler Wolfsjagd abgeblasen. Erich Gebauer ist sich nach der X-ten mündlichen Beschreibung von Ollis Grusel-Ort im Herbstwald sicher: Der Pilzsammler war zufällig auf einen Fuchs- oder Dachsbau gestoßen. „Die stinken auch, wie beschreiben und graben sich aber mit ihrem Bau tiefer in die Erde“, erläutert er seine Fachmeinung. Eine Wölfin hingegen hätte nur eine Kuhle, etwa wie eine Schützenmulde gebuddelt, derer es hier im Wald auch noch einige zu finden gibt. Und die Bewohner des vermeintlichen Wolfsbaus hatten sich mit ziemlicher Sicherheit As herangeschafft, um eine Weile davon zu fressen. Ein wenig traurig ist Pilz-Olli und Wolfsentdecker dann doch und er führt noch eine weitere Zeugin aus dem Heimatdorf ins Feld, die den Platz, denn er auf dieser Tour partout nicht wiederfindet, ebenfalls exakt beschreiben könne.

Schon bemoost: Hier war kein Wolf frisch am Werk. © Thema & Absicht/ Ralph Schipke
Schon bemoost: Hier war kein Wolf frisch am Werk. © Thema & Absicht/ Ralph Schipke

Ausbeute oder kulinarischer Nebeneffekt des Waldspaziergangs mit Gruselfaktor: Ein ganzer Korb mit Pilzen. Sogar ein großer Steinpilz ist unter den Funden – eine echte Rarität im herbstlichen November.

Bereits im Winter 2009 hatte der Wokuhler Jochen Gley nach über 100 Jahren eine Rückkehr von Wölfen in die Gegen gemutmaßt. Als damals eine Dammwildkeule mit typischen Bissspuren gefunden wurde (Nordkurier berichtete). Im 60 000 Hektar großen Revier Pelzkuhl (der Name spricht Bände!) bei Priepert waren seit 2007 mehrfach Wölfe gesichtet worden. „Sie kommen aus Brandenburg, der Wittstocker Heide, rüber“, sagte damals Revierförsterin Maren Giering der Zeitung. Ein ungenannt bleiben wollender Forstmann gegenüber der Redaktion: „Inzwischen haben wir längst mehr Wolfsbetreuer als Wölfe.“

Aber es wird mit Sicherheit weitere geheimnisumwitterte Beobachtungen, vermeintliche oder echte Wolfssichtungen, Hundeverwechslungen oder vielleicht – mit ganz viel Glück – irgendwann ein Foto vom graupelzigen Canis Lupus geben.

Das warn dann die Ausbeute dieser Wolfsjad im Niemansland zwischen Brandenburg und M-V. Ein Korb Plize - darunter ein fetter Steinplitz. Eine Seltenheit für den Herbst. © Thema & Absicht/ Ralph Schipke
Das war dann die Ausbeute dieser Wolfsjad im Niemansland zwischen Brandenburg und M-V: Ein Korb Pilze. © Thema & Absicht/ Ralph Schipke