Männer baggern wie blöde

Ein Mann wagt den totalen Perspektivwechsel. Für ein Jahr verwandelt er sich in eine Frau. Mit allen Konsequenzen bricht er Tabus. Christian Seidel schrieb jetzt auf, was er als Christine mit Männern und Frauen erlebt hat.

Christian Seidel
Christian Seidel: Mut zur Frau? Foto: Florian Seidel
Christian Seidel
Christian? Christiane? Foto: Florian Seidel

„Das ist ein absolutes no go! Mit dem Gedanken in die Damenabteilung eines Kaufhauses gehen, um dort etwas für sich selbst zu kaufen“, kommt Christian Seidel schnell zum Kern der Sache. Dieser Mann hat schon so einiges ausprobiert. War Filmproduzent, Medienunternehmer, Berater, Buchautor. Für sein neuestes Buch hat er einen gewagten Selbstversuch unternommen.

Christian Seidel
Christian Seidel kann einiges aus seinem Frauenleben berichten. Foto: Florian Seidel

Die komische Kaufhaus-Szene gab bei ihm vor etwa zweieinhalb Jahren den Anstoß für einen Dominoeffekt. Im Winter bei halbkalter Mischtemperatur. Keine langen Unterhosen an. Nicht nur Männer wissen, wie unpraktisch diese Dinger sind. Draußen und bei Frost mag Funktionswäsche ja ihren Zweck erfüllen. Aber sobald Mann ins Büro kommt, fängt das große Schwitzen an, in den Buchsen. Seidel fragte sich bei einem Spaziergang an der Isar in München: Gibt‘s für Männer wirklich nichts Gescheites zum Anziehen unter der Hose .Außer diese lappenartigen, hässlichen Unterhosen? Nicht ohne Grund heißen sie im Volksmund auch „Liebestöter“. Mit Wut im Bauch stand er in einem Kaufhaus. „Es muss doch irgendwas geben, für Männer, was ER sich unter die Hose ziehen kann, ohne gleich vorzuhaben, bei minus 30 Grad Celsius über einen Gletscher zu wandern!“ Eine angemessene Unterbekleidung, die draußen vor Kälte schützt und drinnen nicht gleich den Schweiß ausbrechen lässt.
Im Kaufhaus bei den „Männern“ gab es nichts. „Plötzlich stand ich unversehens in der Damenabteilung.“ Voller Neid auf die praktischen Nylons, die er ja schlecht für sich selbst kaufen konnte. Oder? Er stand vor dem Regal mit Feinstrumpfhosen und dachte: „Wow –das ist es doch eigentlich! Das perfekte Kleidungsstück – draußen warm, drinnen nicht zu heiß.“ Also kaufte er Nylonstrümpfe und beobachtete seine eigene innere Scham und Peinlichkeit. „Hab mich über mich selbst gewundert, was ich plötzlich für innere Widerstände spürte.“ Eine scheinbar unüberwindliche Grenze, etwas zu berühren und möglicherweise für sich selbst zu kaufen, was NUR für Frauen bestimmt ist.

Warum dürfen Männer so etwas nicht anziehen?

Es habe sich so peinlich angefühlt, dass sein Kopf sofort Lügen produzierte. Es ratterte im Geiste „Was sollte ich dem Mädchen an der Kasse sagen? Für wen ist dieser Stapel Nylonstrümpfe? Für meine Freundin!!!!“ Sie habe ihn komisch angeguckt und sofort gemerkt, dass er nicht die Wahrheit sagt.
Zuhause zog er seine Beute an und war total begeistert. Selbst mit männlicher Logik betrachtet sei es ein absolut geniales Kleidungsstück für die beschriebene Mischwetter-Situation. „Nur, warum dürfen Männer so etwas nicht anziehen?“, fragte er sich.

Da war die unüberwindliche Grenze, das Tabu. Diese kleine, manchem vielleicht lächerliche Alltäglichkeit habe mit der Sicht des Mannes auf sich selbst zu tun. „Männer definieren ihre Rolle unbewusst und sozial ankonditioniert, indem sie Weiblichkeit ausgrenzen!“ Akribisch. Innerlich und äußerlich. Das fängt bei Kleidung an und Körperpflege, geht in der Kommunikation weiter und hört bei zwischenmenschlichen Verhaltensweisen nicht auf. „Und endet etwas karikaturhaft in diesen teilweise absurden Männerkulten, die wir teilweise untereinander ausüben.“
Christian beschloss ein Jahr lang als Christiane durchs Leben zu wandeln. Konsequent. Um mehr übers Frausein zu erfahren. Er hatte sich in seinem Leben, in seinem Beruf schon sehr viel mit Frauen, Weiblichkeit und auch Geschlechterklischees wollte er es ganz genau wissen, was es heißt, eine Frau zu sein.
Es war oft eine Welt, in der Weiblichkeit zum Klischee gemacht wird. Weiblichkeit wird in Modezeitschriften verbannt, auf Laufstege in Casting-Shows und so Bohlens oder dem Bachelors zum Fraß vorgeworfen.

Männermode ist doch heute lachhaft

Der Buchautor und Medienmann wollte „Erfahrungspfaden“ folgen – mit Haut und Haaren. Zu den Nylons kam ein Rock. „Warum darf ein Mann keinen Rock mehr anziehen?“, fragte Seidel sich. Vor der Französischen Revolution haben die Männer noch Rock getragen, ohne schief angeschaut zu werden. Nur weil nach der Revolution der adelige Look verpönt und abgeschafft wurde? Und die Kleidung der Arbeiter, die diese Revolution gewonnen hatten, zur Mode erklärt wurde? Damals kam Mann zur proletarischen Hosen und zum Jackett (altfranzösisch: jacque = Waffenrock). „So ist heutige Männermode entstanden, die wie eine Gefängniskluft unser Geschlecht beherrscht.“ Alles, was die Männer heute an Kleidung tragen hat martialische oder militärische Ursprünge! Selbst in der Freizeit „ziehen Männer das Hemd locker aus der Hose oder dürfen oben einen Knopf öffnen. „Ist das nicht lachhaft?“ Oder sie verkleiden sich so, wie Reinhold Messner, der gerade von der Mount-Evers-Besteigung und vom Yeti-Besuch zurückkommt. Oder Mann macht auf sportlich: Golf, Tennis, Fußball, Rennen.

So begründet sich für Christian Seidel logisch, warum er über den äußeren Weg der Kleidung den inneren Zugang zur Welt der Weiblichkeit suchen musste. Wann hat jemals ein Mensch einen neuen Raum betreten ohne von außen zu kommen. „Für mich ist die Weiblichkeit durch die Kleidung zu erreichen, wie ein Schlüssel“, erklärt der verheiratete Mann sein einjähriges Travestie-Experiment. Am Ende wollte Seidel komplett und ganz wissen, wie eine Frau lebt, wie sie sich fühlt. Wie er sich fühlen würde, wenn er wie eine Frau lebt, aussieht und angezogen ist.
Muss man sich das also wie „Charleys Tante“ oder die „Manche mögen’s heiß“-Erfahrung von Tony Curtis und Jack Lemmon vorstellen? „Neee!“ Das seien ja immer dramaturgische Gründe gewesen, deren wegen Männer sich in Frauenkleider hüllten. In diesen Geschichten wollten sich Männer verstecken. „Dustin Hoffman musste sich in ,Tootsie‘ verkleidet, weil er anders keinen Job bekommen hätte.“

Jerry als Daphne in der Hollywood-Komödie „Manche mögen’s heiß“ von Billy Wilder (1959):
„Wir würden uns mit Männern niemals abgeben. Diese schrecklichen haarigen Biester, die alles antatschen müssen. Und dabei wollen sie alle nur dasselbe von einem Mädchen.“

„Bei mir war das eine innere Suche. Ein Versuch, sich aus der mir ehrlich gesagt etwas verhassten Männerrolle zu befreien.“
Welche tiefgreifenden oder gar schockierenden Erlebnisse es gab? „Nachdem ich mich mit all den nötigen Utensilien, die man als Frau braucht, versehen hatte und mich langsam im weiblichen Universum begann zurechtzufinden, traf ich eines Tages einen Bekannten. Erst hat der mich in meiner neuen Rolle gar nicht erkannt. Hielt mir sogar die Tür auf. Als ihm klar wurde, wer ihm da gegenüber stand, was macht der Kerl? Nimmt seien Finger und sticht ihn in meine Brust! Und gackert dabei blöde. Ich: Das ist eine Unverschämtheit. Das ist meine Intimgrenze, die du verletzt hast. Er: Die sind doch nicht echt. Das kann ich doch machen.“ So erlebte der Buchautor die erste Konfrontation mit Männern. In Zukunft sollten Begegnungen noch ganz andere Ausmaße annehmen. Während seiner Frau-Zeit sei er auf der Straße angespuckt worden. Wurde angerempelt. Einmal wurde er fast vergewaltigt. Christiane habe sich kaum vor Angeboten, vor finanziellen Avancen gar retten können.

Menschen sind wir schließlich alle

„Im Gegensatz zu dem, was ich eigentlich vorhatte, die Welt der Frauen kennenzulernen und zu sehen, wie es sich dort lebt, habe ich plötzlich die Welt der Männer mit ganz anderen Auge gesehen. Das hat mich schockiert.“ Vorher hat der Medienmensch nie die Männer wahrgenommen als ein Mann unter vielen. „Mann beobachtet ja nicht sein gegenseitiges Mannsein als Heterosexueller.“ Plötzlich fühlte er sich als Mann, der hinter der Frau steckte ungeheuer einsam. Irgendwie kamen ihm Männer plötzlich „verwahrlost“ vor, geht Seidel hart mit seinesgleichen ins Gericht.
Was hat ER als das Absurdeste in IHREM Frauenuniversum erlebt? Frauen haben sich zwar aus vielen alten Geschlechter-Klischees befreien und emanzipieren können. „Sie können Hosen tragen. Sie können sich ,männliche‘ aufführen, ohne gleich als schlechtere Frau zu gelten. Ein Mann, der sich weiblich verhält, wird schnell in eine Schublade gesteckt, die ihn als weniger brauchbaren Mann klassifiziert.“ Auch die Frauen beobachten Männer sehr genau, erfuhr Christian Seidel. Darüber wurde auch mit Christiane gesprochen.

Herbert Grönemeyer: Männer auf dem Albujm „Bochum“ (1984):
„„Männer führen Kriege
Männer sind schon als Baby blau
Männer rauchen Pfeife
Männer sind furchtbar schlau
Männer bauen Raketen
Männer machen alles ganz genau
Männer kriegen keine Kinder
Männer kriegen dünnes Haar
Männer sind auch Menschen
Männer sind etwas sonderbar“

Aber sie befeuern alle Männerklischees selbst mit. Sie sagen einerseits: Der Typ ist mir zu sehr Macho oder zu cool oder zu steif. Ist er jedoch weich und sensibel, so hat es ihm sein „Damenkränzchen“ verraten, ist es auch nicht recht. „Der Mann müsste also einen Spagat machen zwischen weich, sensibel, kreativ und hart und stark. Doch der ist für einen Menschen nicht machbar.“ Ein Mann sei ja schließlich auch nur ein menschliches Wesen. „Der Mann ist ein männlicher Mensch. So wie jede Frau nichts anderes ist, als ein weiblicher Mensch. Wir sind eigentlich gleich“, sagt der Autor von „Die Frau in mir“.

„Frausein ist lässig“

Was er im Frauen-Experiment als Mann verloren hat? „Meine männlichen Freunde.“ Und als Frau gewonnen? „Ich konnte Frauen auf Augenhöhe begegnet. Ganz ohne diesen ständigen, subtilen, geschlechtsvergleichenden Druck, der sonst da ist, wenn ein Mann einer Frau begegnet. Ich empfinde das Frausein als sehr lässig.“

Buchcover
Buchcover
Waschzettel zum Buch und TV-Tipp:
Christian Seidel hatte seine klassische Männerrolle satt. Also macht er ein ungewöhnliches Experiment und bricht Tabus und aus dem gängigen Rollenverständnis der Geschlechter aus. Für ein Jahr verwandelt er sich in Christiane. Mit aller Konsequenz, Feinstrumpfhosen, Silikon-Busen und Minirock. Und nach einiger Zeit wird ihm klar: Sein Perspektivwechsel beginnt seine Existenz zu gefährden. Seine Ehe kriselt, seine männlichen Freunde wenden sich ab. Seine Identität wird in Frage gestellt. Mit großer Offenheit erzählt der Medienmanager Seidel von seinen Erlebnissen in der Frauenwelt und seinen „weiblichen“ Erfahrungen mit dem eigenen Geschlecht.

Christian Seidel: „Die Frau in mir. Ein Mann wagt ein Experiment“, Heyne Verlag, € 12,99, 288 Seiten.
Der Kultursender arte zeigt am 31.Januar, 22.35 Uhr „Christian und Christiane“, die einstündige Dokumentation über den Selbsterfahrungsversuch, aus.
www.christianseidel.de

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