Kurz vor Mitternacht sorgte Nosferatu für Gänsehaut

Ralph Schipke

Elf Jahre dauerte es, bis sich der Südwestkirchhof Stahnsdorf erneut zu einer grandiosen Kulisse für Kunst und Kultur verwandelte. Vereine und Künstler aus Berlin und Brandenburg gestalteten eine der ungewöhnlichsten Veranstaltungsnächte zwischen Gräbern. Das Technische Hilfswerk (THW) leuchtete alles genial und imposant aus.

Kulturnacht auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf bei Berlin. Foto: Ralph Schipke
Kulturnacht auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf bei Berlin. Foto: Ralph Schipke

„Viel Spaß heut‘ Abend“, ist schon ein ungewöhnlicher Wunsch am Friedhofstor. Weit über 2000 Berlinern und Brandenburgern wurde dieser Wunsch von den Organisatoren der Kulturnacht 2014 auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf mitgegeben. 140 künstlerisch Mitwirkende hatte der Förderverein für den größten Gottesacker in Berlin-Brandenburg gewinnen können, um am Sonnabend zwischen 18 Uhr und Mitternacht ein vielseitiges Kulturereignis zwischen Gräbern, Gruften und Mausoleen auf die Beine zu stellen. Bereits zum zweiten Mal nach immerhin elf Jahren Pause, soll auf diese Weise Geld zusammen kommen, um die historischen letzten Ruhestätten vieler berühmter Berliner Geistesgrößen zu erhalten oder zu restaurieren. Zwischen dem 13. August 1961 und dem Mauerfall 1990 waren die Gräberfelder mehrerer Westberliner Kirchgemeinden nicht zugänglich. Der Südwestkirchhof selbst lag im Grenzgebiet der geteilten Stadt Berlin.

Kulturnacht auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf bei Berlin. Foto: Ralph Schipke
Kulturnacht auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf bei Berlin. Foto: Ralph Schipke

Auf dem 206 Hektar großen Areal traten am Sonnabend Musiker, bildende Künstler und Schauspieler unentgeltlich auf. So hielt Verlagserbe Florian Langenscheidt am morbiden Mausoleum Duisenberg einen Vortrag „Über Glück“. Oder geschichtsinteressierte Besucher der Kulturnacht erfuhren über die massenhaften Umbettungen von tausenden Gräbern in der Zeit des Nationalsozialismus nach Stahnsdorf, um an innerstädtischen Friedhöfen Platz für die geplante „Welthauptstadt Germania“ zu schaffen, die Alfred Speer und Adolf Hitler größenwahnsinnig anlegen wollten. Kurz vor der Geisterstunde flimmerte der Schwarz-Weiß-Grusel-Klassiker „Nosferatu“ über die Leinwand. Sein Schöpfer, der Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau, hat seine letzte Ruhestätte nur ein paar Gräber weiter.

In Stahnsdorf nordwestlich von Berlin finden sich unter anderen die Grabdenkmäler für den Maler Heinrich Zille, den Impressionisten Lovis Corint, die Berliner Verleger Ullstein und der Journalist und Theaterkritiker Siegfried Jacobsohn (Die Weltbühne), der Komponist Engelbert Humperdinck (Hänsel und Gretel) oder der Ingenieur Werner von Siemens. Der Friedhof wird in einem Zug mit dem Londoner Highgate Cemetery und dem Pariser Cimetière du Père-Lachaise genannt.