Gefahr geht von Kunst aus: „Risiko“-Abwägung vom Feuerwehrmann angestoßen

Ralph Schipke
Konzeptkünstler Holger Stark vor seinem Werk
Konzeptkünstlers Holger Stark

In der Kunst kann es sein, der Betrachter bekommt auf schlichte Fragen, komplexe Antworten. So auch bei einem Podium in Neubrandenburg über die insbesondere brandschutztechnisch umstrittene Installation „Risiko“ des Rostocker Konzeptkünstlers Holger Stark.

Immerhin war es diesmal nicht ein beflissener Hausmeister sondern ein besonders akkurater Feuerwehrhauptmann und Brandschutzbeauftragter, der eine Diskussion über Kunst und Risiko entfachte. Kurz zur Erinnerung: 1986 entfernte ein „guter Geist“ aus der Düsseldorfer Kunstakademie fünf Kilo Butter, die der berühmte Aktionskünstler Josef Beys an die Decke seines Ateliers angebracht und zum Kunstwerk deklariert hatte. Das Land Nordrhein-Westfalen zahlte an ihn in einem Vergleich am Ende 40.000 DM Schadensersatz für den damit justitiablen Kunstfrevel.

So schlimm traf es in Mecklenburg-Vorpommern und 28 Jahre später weder die Kunst noch die Administration. Nicht mal die Justiz musste schlichten. Zwar setzte Neubrandenburgs Feuerwehrchef Frank Bühring das Werk des Rostocker Konzeptkünstlers Holger Stark in einem Gutachten aus „brandschutztechnischen Gesichtspunkten mit Abfall gleich“. Doch konnte das Monument aus Sperrholz, Leim und Bootsbauresten, das aus den Ausstellungsräumen bis gestern unter brandsicherer Rund-um-die-Uhr-Bewachung hinaus in den Innenhof des Gebäudes ragen. Es wird nun lediglich eine Woche vorzeitig deinstalliert, bevor schließlich auch die übrigen Arbeiten der Ausstellung „Fünf Positionen der Gegenwart in Mecklenburg-Vorpommern“ von Ute Gallmeister, Linda Perthen, Susanne Rast und Ruzica Zajec abgehängt werden. Einfach, weil die von der Mecklenburgischen Versicherungsgruppe geförderte und prämierte Schau des ausgewählten Quartetts zeitgenössischer Künstler nach über einem Monat ohnehin ihr Ende finden muss.

"Risoko" oder Kunst oder beides?
„Risoko“ oder Kunst oder beides?

Bevor heute (Montag, 1.9.) die Sperrmüll-Container anrollen und der so fachmännisch wie kunstvoll aufgeschichtete Bretterhaufen ebenso sachgerecht abgetragen wird, gab es – quasi als Finisage – eine Podiumsdiskussion in der Kunstsammlung. Die drehte sich dann allerdings weniger um Brandschutz und Technik. Vielmehr um den Umgang mit Kunst und Künstlern im Land im Allgemeinen und Fährnisse bildender Kunst im öffentlichen Raum im Speziellen. Sie blieb streng wissenschaftlich und kunstpolitisch. Das Podium aus Juroren und Galeristen verweigerte sich geradezu mit unerwarteter Schärfe, die allseits beliebte Frage „Was wollte der Künstler uns damit sagen?“, zu beantworten. Es saßen im Publikum auch weder Verwaltungsvertreter, noch Kommunalpolitiker der Stadt. Auch „Otto Normalverbraucher“ vergnügte sich am sonntagmorgens lieber beim draußen vor der Tür lärmenden Vier-Tore-Fest. Ein breites Publikum unterzog sich gerade nicht der Mühe, sich mit der Kunst auseinander zu setzen und sie dazu in persönlichen Augenschein zu nehmen. Die durch die Brandschutz-Posse erzeugte mediale Öffentlichkeit sorgte also nicht einmal für einen breiteren Besucherstrom in das Kunstmuseum, war aus Kreisen der Sammlung zu vernehmen.

Allein der Künstler Holger Stark wundert sich, ob der bürokratischen Rezeption seines Werkes. Die angestoßene öffentliche Diskussion sei schon gut. Jedoch wehrt er ab, billig provoziert gewollt zu haben. Er werde sich weder seine fachliche noch künstlerische Professionalität absprechen lassen in der Öffentlichkeit. „Ich bin nicht nur Galerist für zeitgenössische Kunst und bildender Künstler“, erklärt er in der Fach-Debatte gestern. Sogar eine Ausbildung als Zimmermann konnte er in diese Installation und andere Arbeiten einbringen. Das Brandschutz-Argument aus dem Neubrandenburger Rathaus wundert den Rostocker umso mehr, da er in der Ausstellung im Geschichtsmuseum der Viertorestadt mit brandschutzrelevanten Aufgaben von just der gleichen Verwaltung beauftragt war. Anderseits habe er als Kreativer in Mecklenburg-Vorpommern wenig Lust, Kunst auf die populäre Darstellung launiger Windflüchter in Dünen oder sich am Ostseestrand räkelnder Akte reduzieren zu lassen. „Das entspricht nicht meinen künstlerischen Intentionen.“ Sagt an anderer Stelle aber: „Mir gefällt die Nähe zum Meer, die lieblichen weiten Landschaften und die derbe Natur der Einheimischen. Mich stört die unnötige kulturelle und politisches Provinzialität Mecklenburg-Vorpommers.“ Schließlich lobt er den persönlich erlebten Neubrandenburgischen Kunstsinn und -verstand, die eine Ausstellung inklusive seines erst später umstritten Werkes inklusive der dazu gehörenden Fotografien ermöglichten.

Konzeptkünstlers Holger Stark
Holger Stark: „Jeder Betrachter erlebt ein anderes Kopfkino.“

Bleibt es am Ende beim Betrachter, in Holger Starks Installation „Risiko“ einen Haufen Sperrholzbretter zu sehen. Oder aber: Bilder vom großen Tsunami in Asien aus dem eigenen Inneren hoch zu holen, von müllverdreckten Strände rund um den Globus oder die Verbauung von Stadt und Landschaft mit Wohlstandsunrat. Die Kunst kann zu solchen Assoziationen lediglich Impuls geben. Gern auch im öffentlichen Raum. Der Künstler sagt: „Jeder Betrachter erlebt ein anderes Kopfkino. Je nachdem, was man vorher gesehen hat. Je nachdem, wie man sich mit etwas beschäftigt. Oder wie man als Ochs vorm verschlossen Tor steht.“