Romantik ist anders

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Was ist ein Trio? Ein ostdeutsches Sinfonieorchester nach einer London-Tournee. Dies war dann noch einer der harmloseren Gags des Autorenduos Jacinta Nandi (London/Berlin) und Jakob Hein (Ost-Berlin) in der Neubrandenburger Thalia-Buchhandlung. Foto: Ralph Schipke

Wenn ein ostdeutscher Psychiater und eine britische Bloggerin zusammen ein Buch schreiben, hauen sie sich gegenseitig Klischees um die Ohren, bis der Arzt kommt.

Die Witze der Ossis waren legendär. Witze über den Osten und seine Bewohner hingegen sind heute nicht überall populär. Oder? Wenn man zwischen Fichtelberg (höchster DDR-G-Punkt) und Kap Arkona (nördlichste erogene Zone der größten DDR der Welt) etwas gelernt hat, dann: Über sich selbst zu lachen.

Kostprobe? Was ist ein Trio? Ein ostdeutsches Sinfonieorchester nach einer London-Tournee. Dies war dann noch einer der harmloseren Gags des Autorenduos Jacinta Nandi (London/Berlin) und Jakob Hein (Ost-Berlin) in der Neubrandenburger Thalia-Buchhandlung. Da die Buchhändlerinnen mit Schmalzstullen, Spreewaldgürkchen und Rotkäppchen(?)-Sekt das Publikum gut „angefüttert“ hatten, waren die Lesungsbesucher zum kollektiven Schenkelklopfen bereit.

Die Idee für das gemeinsame Buch der beiden mit dem Titel „Fish’n’Chips & Spreewaldgurken – warum Ossis öfter Sex und Engländer mehr Spaß hatten“ ist so einfach wie erheiternd: die in London aufgewachsene Jacinta füttert alle Illusionen der Zonen-Kinder über die bis 1989 unerreichbare Insel-Hauptstadt an der Themse. Der ost-sozialisierte Jakob hingegen bedient alle west-kapitalistischen Klischees der Britin. Jenseits aller verkniffenen politischen und historischen Korrektheit natürlich. Aber dafür mit Schmackes. Da wird nichts ausgelassen: Real-sozialistische Schule und Jugend, die fürchterlich-legendäre DDR-Gastronomie. Und sogar über die finstere Stasi wird gelacht, bis kein Auge trocken bleibt. Die neugierige Engländerin will aber noch mehr wissen: Wie war das mit dem FKK und sind Ost-Männer beim Gelegenheitssex wirklich besser im Bett, weil kaum Gefahr späterer romantischer Anrufe bestand? Mangels Telefonanschluss?

Hein hingegen legt dar, wie man sich tagtäglich – im Blauhemd gewandet – den goldenen Westen so vorstellte. Schulen voller Freiheit und Drugs und Rock’n’Roll. Früh, mittags und zum Abendbrot Fish’n’Chips aus fettigem Zeitungspapier.

„Das Leben ist zu kurz, um immer die Wahrheit zu sagen!“, fasst die im Jahre 2000 voller Neugier nach Berlin umgezogene Nandi das Motto des Abends zusammen. Und Hein, der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit dem berühmten Ost-Schriftstellervater Christoph Hein im Lebenslauf, ergänzt: Er sei es irgendwann leid gewesen, immer wieder ausführlich den neuen Freunden aus aller Welt zu erklären, wie es denn nun wirklich war mit Bautzener Senf, FKK-Freiheit und dem Intershop-Duft der großen weiten Welt.

Also gibts von beiden beißenden Spott für damals und heute. Welches ist eigentlich der bessere Anlass zum Feiern der Emanzipation: Frauen- oder Valentinstag? Was ist religiöser: Himmelfahrt oder Herrentagsausflug? Man ahnt es, eine eindeutige Antwort bleibt aus.

Ein überaus vergnüglicher Abend, denn das Buch lässt man sich am besten von den beiden Autoren in Buchhandlungen vorlesen. Hörbücher kannten wir im Osten ja auch nicht: „Wir hatten ja schließlich nüscht!“

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