Fast ohne Trennungsschmerz

Für die 23. dokumentART im Oktober wird nur noch Neubrandenburg als Austragungsort angegeben. Aber in der polnischen Metropole Szczecin flimmern Ende September ebenfalls Dokumentarfilme aus ganz Europa über die Leinwände der Stadt. Von Bartosz Wójcik (Foto), der im Vorjahr noch gleichberechtigt an der Seite der deutschen Festivalchefin die dokumentART eröffnete, wollte Ralph Schipke wissen, was es mit „SEFF“ demnächst jenseits der Grenze auf sich hat.

Wie viel „dokumentART“ steckt noch in dem neuen „Szczecin European Film Festival“ (SEFF)?

Bartosz Wójcik: Der OFFicyna e.V. hat acht Jahre lang das Europäische Dokumentarfilmfestival „dokumentART“ mitorganisiert. Als einer von zwei gleichberechtigten Veranstaltern. Wir waren für den polnischen Teil des Festivals zuständig. Der europäische Wettbewerb – der Kern des Festivals – wurde gemeinsam von beiden Partnern – Latücht Film und Medien und OFFicyna – vorbereitet. Filme wurden von einer gemeinsamen fünfköpfigen Kommission ausgewählt. Vier dieser fünf Personen arbeiten mit uns auch 2014 weiter. Ein umfangreiches Rahmenprogramm in Szczecin hingegen hat der OFFicyna e.V. bereits über die Jahre selbst entwickelt. Viele Elemente davon bleiben erhalten. Es kommen neue hinzu. Kurzum: Wer bei in den vergangenen Jahren bei der „dokumentART“ in Szczecin dabei gewesen ist, wird sich beim „Szczecin European Film Festival“ (SEFF) nicht verloren fühlen. Aber etliche Überraschungen warten auf ihn – keine Frage.

Was wird anders beim „SEFF“ 2014 im Vergleich zu den Festivals unter dem Logo der „dokumentART“ der Vorjahre?

Jedes Kulturprojekt ist ein lebendiger Organismus – er bleibt derselbe, aber ändert sich ständig. Würde ein Projekt heute dasselbe machen, wie vor fünf oder zehn Jahren, würde es bedeuten, dass man nicht nur stehen geblieben ist, sondern dass man längst von anderen überholt wurde. Deswegen gibt es auch bei „SEFF“ bekannte Elemente, so das deutlich umrissene Profil. Aber dennoch werden diese Elemente neu „gefüllt“. Und es gibt Neuentwicklungen. Beispielsweise haben wir das Programm, das bisher aus rund 20 Programmpunkten bestand, in sechs große Blöcke zusammengetan – vor allem der Übersichtlichkeit wegen. Neu gestaltet wird „Gemeinsame Grenzen“ – ein seit mehreren Jahren umgesetzter Programmblock zur deutsch-polnischen Thematik. Hier zeigen wir eine Premiere – einen deutschen Film über den damaligen umstrittenen polnischen Staatspräsidenten Wojciech Jaruzelski. Der Film wurde 1991 (!) gedreht und noch niemals in Polen gezeigt. Der Tod Jaruzelskis im Mai dieses Jahres ist ein Anlass, über Geschichte und deren filmische Umsetzungen nachzudenken.

Im letzten Jahr hatten wir einen „Industry-Teil“ eingeführt. Die Filmwirtschaft – Produzenten und Verleiher – darf eigentlich bei einem professionellen Filmfestival nicht fehlen. Wir brauchten sieben Jahren, sie nach Stettin zu bewegen. Nun wird dieser Programmpunkt mit einem geschlossenen Teil für professionelle Filmemacher in Zusammenarbeit mit der Warschauer Academy of Documentary Arts weiterentwickelt. Ganz neu ist vor allem der polnische Wettbewerb. Unter den Einreichungen waren jedes Jahr so viele ausgezeichnete polnische Filme. Viele von ihnen wollen wir in einem gesonderten Wettbewerb zeigen. Damit hängen wiederum neue Preise zusammen. Erstmals wird ein Preis vom Warschauer Ministerium für Kultur und Nationales Erbe gestiftet. Ebenso ist ein vom Polnischen Filminstitut gestifteter Preis neu. Und ein Preis der Stadt Szczecin. Uns freut aber auch das Engagement der deutschen Seite. So beteiligt sich die TFA-Trainings- und Fortbildungsakademie Neubrandenburg mit einem Preis. Neu ist weiter der deutsch-polnische Nowa-Amerika-Preis. Der Umfang der Auszeichnungen für die Filmemacher ist deutlich gestiegen. Programmatisch neu sind die Blöcke „Die besten Dokus der Welt“, „In 227 Minutes Around the World“, die Zusammenarbeit mit der Philharmonie Szczecin, der deutliche Weiterausbau der Zusammenarbeit mit der Kunstakademie Szczecin, die Präsenz des Festivals in neuen, anderen Städten – auch auf der deutschen Seite – zum Beispiel in Rostock.

Welche langfristige Perspektive hat so ein neues Festival in Polen und in Europa?
„Neu“ ist nicht ganz zutreffend. Das „SEFF“ ist ja eine Weiterentwicklung des polnischen Teils der dokumentART – unserer Arbeit als OFFicynas an der dokumentART und das Engagement der meisten unserer Partner. Das „SEFF“ hat nicht nur alle bisherigen Förderungen der dokumentART erhalten, sondern auch eine neue Förderung vom Internationalen Vysegrad Fonds – für ein Projekt, das mit fünf Partnern aus Ungarn, der Slowakei und der Tschechischen Republik entwickelt wurde. Unser Festival ist die Arbeit einer vielköpfige Gruppe kompetenter Menschen zwölf Monate im Jahr –harte Arbeit, die aber Früchte trägt. Für die Edition 2015 haben wir ein Netzwerk von Partnern in ganz Europa. Das grenzüberschreitende Filmfest für Mecklenburg-Vorpommern und Westpommern mit europäischem Anspruch entwickelt sich schneller denn je. Alle sind herzlich eingeladen!
Deutschsprachige Website: http://europeanfilmfestival.szczecin.pl/de

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