Einen Romanknoten im Gewitterzimmer geknüpft

Eine Künstlerin aus Österreich sucht auf einem beschwerlichen Fußmarsch quer durch den Osten Deutschlands Requisiten für ein spannendes Kunstprojekt aus Zeichnungen und Texten. Auf einer Etappe durch die Seenplatte durfte ich sie begleiten und konnte eine andere, neue Sicht auf eine unsere alltägliche Welt gewinnen.

Gestartet ist Maria Peters vor sechs Wochen am Jenaer Bahnhof mit dem schönen Namen „Paradies“. Nomen est omen? Reichlich 350 Kilometer Fußwanderung durch ostdeutsche Metropolen und Provinz später schleppt sie ihren blauen Rucksack mit Laptop, Fotoapparat, Schreibheften und Skizzenblock durch die Mecklenburgische Seenplatte. „Das wenigste für mich selbst, aber das kleine Arbeitsbesteck habe ich immer zur Hand“, wie sie ihr Gepäck selbst beschreibt. Von Wesenberg aus, entlang der Bundestraße 198 wird die Last auf ihrem Rücken ganz langsam schwerer und schwerer. LKW und Wohnmobile, Kleintransporter kacheln in unendlicher Eile unablässig vorbei. Zum Glück gibt es einen parallelen Radweg. Die Radler nähern sich zurückhaltend freundlich, klingeln und grüßen kurz.

In Thüringen oder Sachsen-Anhalt musste die Tiroler Künstlerin auch schon einmal direkt am Straßenrand wandern. Das sei purer Stress gewesen. Viel leichter geht es hier in der Kleinseenplatte parallel zur Autostraße und später auf einer recht einsamen Allee von Wesenberg nach Rechlin.

Auf die gut 22 Kilometer lange Tagesetappe, die sie ziemlich stringent über Waren nach Rostock, immer gen Norden führen soll. Es ist ein Arbeitstag für die Malerin und Schriftstellerin aus Innsbruck. Recht gern und freundlich hat die wandernde Künstlerin die Begleitung des Nordkurier-Reporters angenommen. Vielen schöne Orte habe sie unterwegs bereits durchschritten, erzählt sie mit Autolärm im Hintergrund. Jüterbog begeisterte sie. „In Luckenwalde war ich von der Stimmung in diesem Arbeiterstädtchen überrascht“, berichtet sie. An manchem Ort wäre Maria Peters gern auch länger geblieben. So wie in Potsdam oder in Waren, wo sie Pausen vom beschwerlichen Fußmarsch und zum Schreiben, Zeichnen und Ordnen der vielen Eindrücke geplant hat und einlegt. An der Müritz wird die Österreicherin zwei Tage verweilen. Vielleicht trifft der eine oder andere Nordkurier-Leser sie ja mit Zeichenblock und Notizheft. Maria Peters ist stets und überall auf Gespräche gespannt. „Eigentlich habe ich in fast sechs Wochen nur einen unfreundlichen Menschen getroffen“, erzählt wandernde Künstlerin. Dagegen viele spannende Gespräche geführt.

In Canow kam sie mit einem pensionierten Opernsänger ins Gespräch. Der gesetzte Herr mit herrlich tiefer Stimmlage habe dann gleich noch eine Wasserwanderkarte vorgekramt und der Tirolerin von den herrlichen Eindrücken auf einer Kanutour vorgeschwärmt. „Das würde ich auch noch einmal machen.“ Obwohl sie eigentlich keine „Wiederholungstäterin“ sei, würde sie deshalb glatt noch einmal nach Brandenburg oder Mecklenburg zurückkehren, um die Gegend vom Wasser aus zu erkunden.

Jetzt zieht es sie jedoch nach Norden. In Rostock wird diese Wanderung, ihre Entdeckungsreise ein Ende finden. Auch, weil eine ihrer entstehenden Romanheldinnen dort an Bord eines Schiffes nach Grönland gehen soll. Viel mehr möchte Maria Peters über ihr Buch-Projekt, dass sie für sich selbst als Genre einer „Novelle Montage“ kreiert hat, noch nicht verraten.
Auf der Schlossinsel in Mirow lüftet sie dann aber doch noch ein wenig den Schleier ihres geheimnisvollen Science-Fiction-Roman-Projektes aus Texten und Bildern, für den sie auf diese Wanderung Eindrücke sammelt.

Geboren wurde die Österreicherin Maria Peters 1966 in Tirol. „Am Lande“ – wie sie selbst sagt und umgeben von hohen Bergen. Heute arbeitet und lebt sie in Innsbruck, begibt sich aber immer wieder auf Reisen, so nach Tibet, Nepal, Grönland und Ostdeutschland.

Sie arbeitete als Restauratorin, studierte Malerei und machte im Sommer 2002 ihr Diplom an der Akademie der bildenden Künste in Wien.

Jetzt plant sie einen Science-Fiction-Roman mit 24 Frauenfiguren, der durch mehrere Jahrhunderte bis ins dritte Jahrtausend der Menschheitsgeschichte reicht. Eindrücke und Anregungen dafür sammelt sie auf ihrer Wanderung von Nord nach Süd 600 Kilometer zu Fuß quer durch Ostdeutschland. Auf den Stationen ihrer Tour von Juni bis Ende Juli entstehen Bilder und Texte. Zu verfolgen ist ihre fantastische Wanderung bereits auf ihrem Blog unter:  www.novelle-montage.com

Am 20. Juni ist im begleitenden Blog der modernen Reiseschriftstellerin zu erfahren: „Ich las das Buch ,Jugend ohne Jugend‘ des rumänischen Schriftstellers Mircea Eliade zu Ende. Es ist ein seltsames Buch. Der Hauptdarsteller wird von einem Blitz getroffen und verjüngt sich in der Folge von 70 auf etwa 30 Jahre, und er altert auch nicht mehr. Später trifft er auf andere, denen es ebenso erging. Und einer von ihnen, der glaubt, dass die Kernspaltung in der Zukunft zum Zweck der Verjüngung von Menschen eingesetzt werden wird, stellt dem Hauptprotagonisten die entscheidende Frage: ,Was fangen sie mit der Zeit an?‘“

Als Maria Peters zur Mittagsstunde aus dem Schlossportal zu Mirow tritt, strahlt sie. „Das Gewitterzimmer von Dörchläuchting (der Mecklenburg-Strelitzer Herzog Adolf Friedrich IV. d. R.)  wird ein passender Link für eine meiner Heldinnen!“

Als Link versteht die Künstlerin die Verknüpfungen, den Knotenpunkt, zwischen den Erzählfäden von nicht weniger als 24 Frauenfiguren, die sich in ihrer Fantasie durch Raum und Zeit wandeln. Ostdeutschland möchte Maria Peters zu einem Teil der realen Kulisse werden lassen. Insbesondere für den Haupthandlungsstrang der Figur, die ihr Alter Ego – ihr eigenes, anderes Ich. Anregungen glaubt sie links und rechts des Weges quer durch den Osten Deutschlands eher zufällig zu finden. Außerdem in Irkutsk, Paris und Grönland.

Der Museumswärter grüßt noch freundlich. „Ich hab‘ sie doch vorhin kurz hinter Wesenberg überholt“, erkennt er die zierliche Wandersfrau mit dem gewaltigen blauen Rucksack auf den Schultern wieder.

Ein klein wenig sauer ist Maria Peters auf die Leute vom Lärzer „Kulturkosmos“, an deren Areal der Weg sie später vorüber führt. Gern hätte sie deren künstlerisch umgestaltete Flugplatzareal besucht.

Nach über vierstündigem Marsch. Auf dem letzten Wegstück unter praller norddeutscher Sonne, ist das heutige Quartier am Rechliner Yachthafen erreicht. „Weißt du Maria, irgendwann im Leben ist alles Wiederholung“, habe ihr einmal eine altersweise Bekannte mit auf den Weg gegeben. Von Wiederholungen sieht sich die österreichische Kreative vorerst noch weit entfernt.

Erst einmal nimmt sie die ihr ungewohnt maritime Stimmung am Müritzufer auf und freut sich auf die Entdeckung der Ostseestadt Rostock, die sie in wenigen Tagen erreichen wird. Und löscht den leiblichen Durst dieses Tages mit einem Radler.

Für Maria Peters, stellt sich die Frage noch nicht, was mit Zeit anzufangen sei. Die Entschleunigung durch eine Wanderung jedoch bietet ihr ungewöhnliche Perspektiven auf Land und Leute, über die der Einheimische nur verblüfft staunt. Freuen wir uns doch einfach, in einer so wunderbaren Landschaft zu leben, trotz aller Alltagssorgen.

In Maria Peters Blog ist inzwischen zu lesen: „In dieser Region hier gibt es viele produktive Menschen. Hier wird gemalt, gedichtet, Musik gemacht, Hobbys und Leidenschaften gepflegt. Viele finden so ihre eigene Welt, die sie innerlich stärkt und angenehm im Umgang macht. Vermutlich ist das der Grund, warum ich den Osten Deutschlands so gerne mag.“

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