Die Welt hört nicht vorm Dorf auf. Hier fängt sie doch erst an!

An diesem Küchentisch werden die richtigen Fragen gestellt. Die wichtigste darunter lautet: Wie wollen wir leben?
Dabei kann ein banales Verkehrsschild am Ortseingang mit der gleichen Ernsthaftigkeit betrachtet werden wie der unermüdliche Protest gegen die Massentierhaltung am Horizont in Europas größter Ferkelfabrik, die Ausübung echter und direkter Demokratie im Dorf oder der nachhaltige Sinn oder Unsinn einer neuen Straßenbeleuchtung.

Susanne Wiest ist zum Wohnen und Leben aus der Stadt Greifswald aufs Dorf und nach Siedenbüssow zurückgekehrt. Eigentlich ist die Tagesmutter und Politaktivistin ja seit 17 Jahren hier, sie unterhielt lange in dem Haus am Dorfrand einen Kindergarten. Arbeiten hier und wohnen in Greifswald. Das war für eine Zeit notwendig, sagt sie, um für die eigenen Kinder ein größeres, besseres Schul- und Freizeitangebot zu haben und dabei den kleinen Kindergarten in Siedenbüssow zu erhalten.Doch fortan will sie mit ihrem Mann Karsten Behr – die eigenen Kinder sind erwachsen geworden – wieder die Vorteile des Landlebens direkt genießen. Beide sind davon überzeugt, sich auch von hier aus in Debatten oder politische Aktionen gut einbringen zu können.
Relativ ernüchtert hat Susanne Wiest die Bühne der Bundespolitik hinter sich gelassen – sie trat bei der letzten Bundestagswahl für die Piraten als Spitzenkandidatin im Wahlkreis Angela Merkels an.

Die Wahl-Mecklenburgerin will sich indes weiter für Sozialpolitik, Umwelt und die Entwicklung im ländlichen Raum einsetzten. Ideologie und Parteilinie hat sie kennen- und nicht schätzen gelernt. Zu engstirnig, sagt sie. Sie bleibt aber weiter politische Bürgerin. Um ihr wichtigstes Thema – das bedingungslose Grundeinkommen – weiter und besser voranzubringen, hatte sie nach ihren Vorschlägen dazu im Bundestag 2009 und vor ihrem Wahlkampf 2013 Aufnahmeanträge bei allen demokratischen Parteien gestellt. Weil es ihr um die Sache, nicht um Parteilinie geht. Die Piraten nahmen sie damals auf, und so ist sie dabei geblieben. Sie fragt sich aber nach den eigenen Erfahrungen in der Bundespolitik: „Wo bitte ist die kreative Kraft im Bundestag?“
Und hier in der Gemeinde, vor Ort? Auch hier scheint für sie mit der Ausübung von Demokratie einiges im Argen. „Wie kann es angehen, dass unser Ortsteil keinen echten Vertreter im Gemeinderat hat?“, fragt sie. Und wieso ist Wahlarithmetik so gestrickt, dass manche politische Kraft aus den kommunalen Gremien einfach kleingerechnet wird?
Anderseits sieht sie so manchen, der sich kaum bis gar nicht um seine eigenen Belange jenseits des Gartenzauns kümmern mag. Warum befinden wir uns in diesem Dilemma? Karsten Behr erzählt dazu eine scheinbar unwichtige Begebenheit aus Siedenbüssow: Das gelbe Ortsschild und das 30er-Schild darunter waren irgendwie abhandengekommen. Wohl ein Trecker oder der Schneepflug hatte den Pfahl umgenietet. Ein Nachbar meinte, die Schilder mit den Zahlen 30 oder 50 würden gern als Gag zu runden Geburtstagen verschenkt. Das Dorfeingangsschild lag mit krummer Stange irgendwo in einer Scheune. „Aber hier beginnt doch Siedenbüssow?“, fragte Behr in die Runde. Und Tempo 30 fanden die Leute in der Straße eigentlich auch prima.
Die nächste Frage lautete logisch: Wollen wir das nicht wieder aufstellen? „Also bastelten wir zusammen, die Nachbarsmänner und ich“, erzählt der Mann, der genauso gut Proteste vor der Ferkelfabrik im Nachbardorf oder Demos gegen strahlenden Nuklearschrott organisieren kann. Und zum Thema Verantwortung sagt er: „Für den Zustand der Demokratie bin ich selbst verantwortlich!“

Das Verkehrsschild steht inzwischen längst wieder. Niemanden gefragt. Einfach getan. Karsten Behr hat die 30 mit schwarzer Farbe und den Rand mit Rot nachgemalt. Die Nachbarn packten freiwillig und mit viel Spaß am Werkeln mit an, bogen den Pfahl zurecht, setzten das Schild wieder ein: Hier beginnt mein Dorf! So einfach? So einfach! Ein anderer Nachbar habe dann das 30er-Schild vor seinem Tor gleich noch umgedreht, „weil es so viel logischer ist“. Autos und Traktoren bremsen nun wieder an der richtigen Stelle ab. „Die Gemeinschaftsaktion hat Freude gemacht und auch Lust auf weitere Aktionen“, sagt das Paar. „Sowas macht mich wieder fröhlich“, bekennt Susanne Wiest.
Immer wieder stellen sie sich im Dorf und in der Welt die Frage: Wie wollen wir leben? Wo wollen, wo können wir unseren Lebensraum nach eigenem Gusto gestalten? „Von der Schweriner Politik wird das Land nicht mehr als Lebensraum für Menschen gesehen, sondern als Standort für die Energie- und Agrarindustrie“, glauben sie.
Warum versorgt die Solaranlage einer dorffremden Firma auf der anderen Straßenseite und auf Gemeindeland nicht das Dorf mit sauberem Strom? Karsten Behr würde gern um den Ehren-Titel „Pestizidfreie Gemeinde“ kämpfen. Susanne Wiest plädiert unbedingt für einen ökologischen Schutzstreifen rings um das Wohn-Dorf: Raum für Tiere, Puffer für die Menschen gegen den durchökonomisierten Feldbau, der aus ihrer Perspektive den Menschen und die Natur völlig vergessen hat. Um solche Ideen in einem größeren Kreis besprechen zu können, ist die Idee bei den beiden aufgekommen, eine Art Gemeinde-Stammtisch als alternativen Beirat der gewählten Gemeindevertretung ins Leben zu rufen. Als kreative Kraft aus der eigenen Mitte.