Das Geld im Dorfe lassen

Weltmarktpreise für Öl und Gas machen ihnen keine Furcht vor der Zukunft. „Energiewende“ ist für die Bollewicker und ihren Bürgermeister kein Reizwort. Hier wird sie einfach gemacht – von unten.

Bioenergiedorf
So kann sich ein Dorf selbst mit Energie versorgen und überschüssigen Strom noch verkaufen oder mit der Wärme eine ortsansässige Produktion unterstützen. Bürgermeister Bertold Meyer betrachtet seine Region als „Garten der Metropolen“. In ihm sollen Lebensmittel für Hamburg, Berlin oder Stettin wachsen und produziert werden. Oder in Zukunft auch Strom. Zum Vergrößeren des Bildes klicken!             Grafik: Nordkurier / C. Preß

Während in Schwerin und Berlin über die Energiewende und ihre Kosten geredet und geklagt wird, ist sie in einem wehrhaften Dörfchen nahe der Müritz schon fast vollzogen. Von unten! So jedenfalls sieht es Bürgermeister Bertold Meyer, der heute offiziell ein Bioenergie-Wärmenetz für sein Dorf in Betrieb setzt.

Seit 1990 ist Meyer – von einer Wählergemeinschaft ins Amt gebracht und so keiner Parteidisziplin unterworfen – dabei, Bollewick für seine Einwohner lebenswert zu machen. Er und seine Mitstreiter haben sich mutig immer den ganz großen Fragen gestellt. Als es nach der Wende keine Arbeit auf dem Land mehr gab, wurde lokal Arbeitsmarktpolitik gemacht. Aus einer DDR-„Altlast“, der berühmten Bollewicker Scheune, ist ein touristischer Anziehungspunkt geworden und zugleich ein Ort regionaler Wertschöpfung. Als die Landwirtschaft deutschlandweit mit Lebensmittelskandalen von einer Krise zur anderen taumelte, hat der Dorfschulze, der ja Meyer heißt, in der Scheune und beim Metzger gegenüber Bio verkaufen lassen. Da war das anderswo noch etwas für die Nische. Nun hat er sich mit der Energie herumgequält, sie schließlich zur Passion gemacht.

„Wir haben Platz und Land, Sonne und Wind, können Pflanzen anbauen. Daraus lässt sich Energie für uns gewinnen“, sagt er. Warum soll das Geld aus der Region abfließen, um Öl oder Gas immer teurer einzukaufen, damit in Bollewick nicht das Licht ausgeht oder Heizungen kalt bleiben? „1997 oder 98 war die Ölheizung noch die günstigste und technisch ausgereifteste Variante“, erklärt der Bürgermeister und Ökonom, warum beim Ausbau der Scheune auf konventionelle Technik gesetzt wurde. „Das hat mir damals zwar schon nicht geschmeckt. Ging aber nicht anders“, betrachtet er die Energie-Entwicklung auf dem Dorfe. Sonne, Wind und Biomasse wären vorhanden gewesen. Aber auch er hätte niemanden davon überzeugen können, auf diese eigenen und kostengünstigen Ressourcen zu setzen.

Bürgermeister als Coacher im ganzen Land unterwegs

Aber seine Stunde sollte kommen. Inzwischen proklamiert er Sätze wie: „Die Energiewende muss mit einem Kulturwandel einhergehen!“ Heute wird Bertold Meyer mit solchen Sätzen in Schwerin, Berlin, sogar auf internationaler Ebene gehört. Und man kann sich im Dorf ansehen, wie der praktisch aussehen könnte – dieser Kulturwandel.

Im Hauptberuf ist Meyer, der ehrenamtliche Bürgermeister, als Coacher für Bioenergiedörfer im ganzen Land unterwegs. Bollewick ist quasi seine Teststrecke. „Normal“ ist nach Meyers Meinung: Wer Arbeit sucht oder hat, fährt in die Stadt. Lebensmittel, Möbel werden gewöhnlich in der Stadt gekauft. Das wenige Geld aus der Region fließt woanders hin. Aber: Auf den Ackern wächst Getreide, Raps und Mais. Ein Teil davon geht in die Biogasanlagen. In Bollewick konnte er zwei Bauern zum Bau solcher grünen Kleinkraftwerke überzeugen. Außerdem hat er auf dem Dach der Scheune und anderen öffentlichen Gebäuden Solar- Anlagen installieren lassen. Die Straßenbeleuchtung ist komplett auf sparsame LED-Technik umgerüstet.

Wenn er was anpackt, dann gründlich. Denn in den Bio-Reaktoren entsteht außerdem noch Wärme. So hat der Bürgermeister und Energie-Coach der unabhängigen Akademie für nachhaltige Entwicklung (ANE) in Güstrow in seinem Dorf dafür geworben, über drei Kilometer Wärmeleitungen zwischen den Bio-Kraftwerken der Landwirte und den Wohnungen zu verlegen. Statt der geplanten 37 Häuser konnten schließlich 53 plus die Scheune angeschlossen werden. „Es hat drei Monate Arbeit und Lebenszeit gekostet. Diskussionen ausufernd oft. So drei Stunden pro Familie“, erinnert er sich an den Anlauf des Projektes im Jahr 2011.

Spätestens beim Preis sei auch der Letzte hellhörig geworden. Durch die Eigenversorgung kann ein langfristig niedriger Preis für Wärme aus den ortsansässigen Kraftwerken garantiert werden. Die Bauern wiederum haben garantierte Einnahmen. Damit können alle gemeinsam über Jahre kalkulieren. Recht unabhängig von Weltmarktpreisen für Öl, Gas oder Kohle. Die Heizkosten verringern sich schon jetzt um ein Drittel im Vergleich zu konventioneller Wärmeversorgung.

Die Energieproduktion in den Dörfern sieht Meyer als „letzte Chance, die Geschicke auf dem Lande in die eigenen Hände“ zu nehmen und hat beschlossen, die Energiewende einfach von unten anzufangen. Während andere noch debattieren, lamentieren oder spekulieren. Noch dürfen sich von 780 Dörfern in M-V erst sechs „Energiedorf“ nennen. Meyer hofft natürlich sehr, dass es schnell mehr werden. Wie das geht, können die Leute vom Land ab heute in Bollewick besichtigen. Für die feierliche Eröffnung haben sich rund 170 Neugierige angemeldet.

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