Die besoffenen Hühner aus dem 100-Jahrespäterdorf

Regina Schröder
Regina Schröder Foto: Ralph Schipke

Immerhin liegt es in der Schweiz – der Mecklenburgischen. Eingebettet zwischen Hügeln – Endmoränen, die von eiszeitlichen Gletschern geformt wurden. Verschlafen. Auch Regina Schröder findet kein anderes Attribut für ihre Heimat. Aber es klingt sehr liebe- und humorvoll, wenn die ehemalige Erzieherin für Kunst und Musik über ihr Dorf erzählt. Sogar aufgeschrieben hat sie einiges, was sie in Kindertagen oder später hier erlebt hat. Zum Beispiel in der Geschichte vom „Hühnchen in Weinbrand“. Wer jetzt ein Rezept für die Haute cuisine erwartet, wird enttäuscht. In Mecklenburg gehen die Uhren anders und die Läuschen un Riemels sind ganz besonders. Die von Regina Schröder zum Beispiel endet in breitem Sächsisch. Doch dazu später.

Acht Geschwister sind sie gewesen, haben eine Kindheit in herrlicher Landschaft verbracht, erinnert sich die 1954 Geborene an die Zeit, in der sie hier aufgewachsen ist. „Als richtige Naturkinder“, strahlt sie heute noch. Die „Zwergenschule“ hier besuchte sie bis zur dritten Klasse. Vier Jahrgänge in einem Raum. Als sie 2001 zurückziehen wollte, um näher bei ihren Eltern zu sein, war die Dorfstraße immer noch eine Buckelpiste. „Doch wir haben dann von Fördermitteln aus Brüssel erfahren und vorgeschlagen, die Dorfstraße zu verbessern. Die neue Straße war dann schneller fertig, als unser neues Wohnhaus stand“, erinnert sich die Ur-Levenstorferin an ihre Rückkehr aus der großen weiten Welt. Studiert hatte sie in der Hauptstadt Berlin Kulturwissenschaften und beruflich lange in der Landeshauptstadt Schwerin gearbeitet.

Nun hatte sie auch Zeit, ein paar alte Geschichten zu Papier zu bringen. So besagte vom hochprozentigen Geflügel. Und die geht so: Zum weihnachtlichen Schlachtfest kam auch gern die Verwandtschaft nach Mecklenburg gereist. Klein-Regina hatte den Auftrag, Schnaps im Dorfkonsum zu besorgen, der bis 1986 die Dorfbevölkerung mit allem Wichtigen versorgte.

Doch die Pfützen waren in diesen Wintertagen vereist und so ging ihr bei einer Schlitterpartie die eingekaufte Flasche – „So’n Schiet“ – zu Bruch. An dem guten „Braunen“ aber taten sich die Hühner gütlich. Und auch der Hofhund Borex soll einen kleinen Schwips gehabt haben.

„,Waas‘ – fragte Oma „- de Häuner sind besoppen,“ beschreibt Regina Schröder in einer ihrer Kurzgeschichte die groteske Situation bei dieser Hausschlachtung. „Oma wußte noch nicht, daß ich die Flasche Schnaps zuvor auf dem Hof zerdeppert hatte und die Hühner sich wohl diesen seltenen Schmaus haben nicht entgehen lassen. Einige der besoffenen Hähne lagen zuckend auf dem Rücken und bewegten die Beine in der Luft … Der große Hahn torkelte mit ausgebreiteten Flügeln und aufgeplustertem Gefieder wie ein Auerhahn in der Balz, immer rund um die alte Pumpe herum.“ Darüber kann heute noch die ganze Familie lachen, wenn man sich bei Festen oder Familienfeiern im Dorf versammelt. Die Oma kommentierte das Geschehen damals: „Wat de Aalkohool ut de Kreatur nich allens moogt.“ Und eine von Fern angereiste Tante schlug vor: „,Nuu, das mach doch nischt‘, sagte lachend meine Tante aus Sachsen: „Da gibbs morschen Hühnschen in Weinbrand!‘“

Aber daraus wurde im 100-Jahrespäterdorf nichts. Das versoffene Geflügel konnte wieder hochgepäppelt werden. Die Hühner legten sogar nach ein paar Tagen wieder Eier – nicht einmal gefüllt mit Eierlikör.

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