Auf der Suche nach Egon Olsens genialem Plan

Die Olsenbande dreht durch
Andreas Flick (oben) geht Egon Olsen zur Hand. © Foto: Vorpommersche Landesbühnen

Es wäre zu schön, könnte Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) einfach  die Bühne der Landespressekonferenz mit Melone und Zigarrenstummel betreten und verkünden: „Ich habe einen Plan!“ Benny alias Andreas Flick hätte dann begeistert ausrufen können: „Mensch Egon, mächtig gewaltig!“

So wird es aber auf jeden Fall am kommenden Sonnabend (29.9.2012) im Neubrandenburger Schauspielhauses machen, wenn Egon Olsen mit seinen genialen, aber zum Scheitern verurteilten Geldbeschaffungs-Plänen die Bühne betritt. Als Benny –  „der mit den gelben Socken“ – tritt der 30jährige Schauspieler aus Anklam erstmals in einer Spielstätte der Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz auf. Einer der zahlreichen Kooperationsbeziehungen zwischen dem kleinen agilen Theater von der Peene mit dem traditionsreichen Dreisparten-Haus aus der Mecklenburgischen Seenplatte.  Zum Beispiel ist der Anklamer Intendant  Wolfgang Bordel auch noch in Personalunion Schauspieldirektor der Neubrandenburger und Neustrelitzer Mimen.

Bordel ist dem Egon, dem Chef der legendären dänischen Olsenbande, in Sachen planvoller Geldbeschaffung schon fast etwas  ähnlicher als der Minister. Auch er scheint eigentlich immer einen super Plan zu haben, wenn es darum ging mehr zahlendes Publikum ins Theater zu locken, um sich im vorpommerschen Anklam und auf der Insel Usedom vielfältiges Theaterspiel leisten zu können.  Natürlich wandert er dafür nicht regelmäßig hinter schwedische Gardinen wie der dänische Kult-Gangster Egon Olsen. Auch muss Bordel nicht befürchten, von Bennys Bruder Dynamit-Harry samt Kohle und Theater in die Luft gejagt zu werden. Es gibt im wahren Leben auch keine bösen Gegenspieler, die wackere Geldbeschaffer in der Kultur mit „Betonschuhen“ an den Füßen in der Peene versenken wollen. So etwas gibt es hierzulande nur in Theater oder Film.

In einem Theater wie  unserem macht jeder, was gemacht werden muss

Eigentlich könnte der 30jährige Künstler , der aus Rheinland-Pfalz stammt, in Bayreuth studierte und an der Theaterakademie Zinnowitz Schauspieler gelernt hat, Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) Prototyp eines Theatermanns dienen, für das heute (Dienstag, 25.9.2012) vorgestellte Theaterkonzept:  Andreas Flick ist bestens ausgebildet – Schauspiel, Musik-, Medien- und Theaterwissenschaften. Er ist mobil und flexibel  – steht in Anklam, Zinnowitz, Parchim, Neubrandenburg  und Neustrelitz auf und hinter der Bühne. Er ist vielseitig – spielt den HerrnTaschenbier im „Sams“ , den Benny in der „Olsenbande“ oder den Hamm in Becketts „Endspiel“. Außerdem ist er für das Haus in Anklam seit dieser Spielzeit als Dramaturg tätig und betreut die Website des agilen Theaters mit. „In einem Theater wie  unserem macht jeder, was gemacht werden muss“, bringt er einerseits die jahrelangen Sparbemühungen des kleinen Theaters in Vorpommern mit fünf festen Spielstätten und vielseitigen Kooperationsbeziehungen auf den Punkt. Anderseits macht ein Hierarchie- und Theaterdünkelfreies,  familiäres Klima im gesamten Ensemble auch einen Teil des Reizes für ihn aus, in dieser Spielzeit nach Anklam zurückzukehren.

Mit dem Zug benötige ich sechs Stunden für eine Strecke nach Parchim

Andreas Flick war schon von 2006 bis 2009 als Schauspiel-Eleve unter Bordels Fittiche gekommen, als er an der Theaterakademie Zinnowitz das Theaterhandwerk erlernte. Die Theaterakademie Vorpommern, eine weitere erprobte Kooperation der Vorpommerschen Landesbühnen, lässt ihre Schauspielschüler vom 1. Semester an der Seite gestandener Darsteller aus Anklam spielen. Andreas Flick empfand es als großen Vorteil seiner Ausbildung,  „von Anfang an im Repertoire zu spielen“ und in direkten Zuschauerkontakt gekommen zu sein. „Im vierten Jahr waren wir dann vollwertiges Ensemblemitglied.“ 2006 bis 2009 hatte sich der junge Künstler die Theorie von Theater-, Medien- und Musikwissenschaften an der Universität Bayreuth angeeignet. „Danach habe ich nach einer Schauspielausbildung recherchiert und bin auf Bewerbungstour gegangen“, erinnert er sich an seine Lehrjahre.  Leider könne ein Schauspielschüler nicht bewusst allein entscheiden, wo er ausgebildet werden möchte. Doch seinen Weg nach Vorpommern hat er nicht bereut. Wäre er sonst in der gerade begonnen Spielzeit nach einem Intermezzo in Parchim nach Anklam zurückgekehrt? In Parchim bleibt ihm auch noch ein Garderobenspiegel erhalten. Als Gast ist er weiter an dem vor allem als Kinder- und Jugendbühne profiliertem Theater in drei Stücken in Rollen. „Auch wenn man hier oben im Norden etwas abgeschieden ist“, schätzt Flick ein, gelang es doch sich Freiträume zu erarbeiten, um „nach Berlin zum Theatergucken“ zu fahren. Dafür gehen die selten genug freien Wochenenden drauf.  Jetzt aber endlich mit eigenem Auto. Mobil zu sein, sei enorm wichtig für seine Arbeit und privat. Er pendelt zwischen Anklam, Greifswald, Neustrelitz, Neubrandenburg und Parchim. „Mit dem Zug benötige ich sechs Stunden für eine Strecke nach Parchim“, rechnet er vor. Für die etwa 150 Straßenkilometer von Vorpommern-Greifswald in den Landkreis Ludwigslust-Parchim wird weniger als die Hälfte benötigt und es bleibt einfach mehr Zeit für die eigentliche Arbeit. Diese Rechnung für ein ganzes Orchester aufgemacht,  mache die organisatorischen und finanziellen Sorgen vieler der bereits eingegangenen kreativer Theaterkooperationen in Mecklenburg-Vorpommern deutlich.

  Ich selbst, aus Rheinland-Pfalz stammend, kannte die Olsenbande vorher gar nicht

Noch hat er sich nicht vollständig in seine neue Dramaturgenrolle in Anklam gefunden, da wird er  schon in die „Olsenbande“ aufgenommen. Am Sonnabend (29.9.) hat die Inszenierung der Anklamer in Neubrandenburg Premiere. Erstens als Stück über die vom Pech verfolgten dänischen Kleinkriminellen um ihren Chef Egon Olsen im Schauspielhaus Neubrandenburg. Und in der Besetzung mit Andreas Flick als cleveren Auto- und Schweißtechnik-Besorger Benny, der dem steifen und konservativen Egon auf dem Fuße folgt mit seinem komisch-karierten Anzug mit zu kurz geratenen Hosen und kanariengelben Socken. Benny bekommt immer die Aufgabe, die Utensilien für den ganz großen Coup zu „besorgen“ und zur rechten Zeit Bandenchef Egon zuzureichen.  „Ich selbst, aus Rheinland-Pfalz stammend, kannte die Olsenbande vorher gar nicht“, gesteht Andreas Flick. Das die DEFA-Synchronisationen im Osten Kultstatus auf den Leinwänden und im Fernsehen hatte, erfuhr er erst mit der  Vorbereitung auf die Rolle. Er hat sich zwischen 1968 bis 1998 gedrehten Filme auf DVD angesehen.  Es sei immer eine Gratwanderung, wie viel man aus dem Film auf die Bühne übernimmt, schätzt der Schauspieler die Rolle ein. Aber er glaubt schon, dass die Bühnenfassung von Peter Dehler in der überarbeiteten südmecklenburgischen Fassung von Wolfgang Bordel auch in Neubrandenburg  ein lachendes  Publikum finden wird.

In seiner „Hauptrolle“ als Dramaturg in Anklam wünscht er sich vor allem mehr Planungssicherheit für alle Theater im Lande, die sich vielleicht ja mit dem neuen Theaterkonzept herstellen lässt. Und Gerechtigkeit bei der Verteilung der knappen Mittel. „Akzeptanz in der Region und viele Zuschauer sollten durchaus belohnt werden“, wünscht er sich. Das wäre schon mächtig gewaltig!  Immer wieder steht die Frage neu: „Was können wir uns in der nächsten Spielzeit noch leisten?“, kommentiert er die Kulturpolitik des Landes. Der junge, flexibel und mobile Dramaturg und Schauspieler wünscht sich mit seinem Theater „ein Stückchen mehr an die Zeit zu kommen.“ Er würde gern Formen finden, mit Gegenwartsdramatik, Zuschauer zu finden „ohne immer gleich den wirtschaftlichen Background im Nacken zu haben“.  Nach seiner bisher schönsten Rolle gefragt, zögert er kurz um  sich dann an eine Schultheaterinszenierung vor elf Jahren zu erinnern, in der Flick den Hamm in Samuel Becketts „Endspiel“ geben durfte.

 

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