So ein Dingsbums auf dem Dach

„Dachpinökel“ – darauf muss ein Übersetzer erst mal kommen. Wikipedia bleibt nach der Eingabe dieses Wortes stumm und es erfordert einiger Suchbemühungen, um dieses Wort überhaupt zu finden. Außerdem könnte es auch noch Pinöckel, Pinöppel, Pinöpel oder Pinörpel heißen. Kommt aus dem norddeutschen Sprachgebrauch. Ist im Prinzip ein Jokerwort und kann für alles Mögliche stehen für jedes „Dingsbums“ gewissermaßen.

Aber einfach Dingsbums konnte Übersetzer Harry Rowohlt nicht genügen, als er Padgett Powells Anti-Helden und Hilfsdachdecker Wayen auf dem „Schrottplatz der gebrochenen Herzen“ so spitze Dinger auf dem einem Dach lustlos vermessen lässt – Dachpinökel halt.

Ach ja – Lust. Die spielt in den Geschichten um verschiedene verkrachte Südstaaten-Existenzen, denen Powell eine literarische Existenz verleiht, eine wichtige – wenn nicht sogar die Hauptrolle. Wie schon der Titel ahnen lässt. Allerdings führt die (körperliche und sinnliche) Lust meistens an die Abgründe menschlicher Existenz. Die Helden sind durchweg nicht bereit und in der Lage, sich den herrschenden Konventionen zu unterwerfen. Da ist der Dreikäsehoch, der einen Rasenmäher kidnappt um eine (über-)reife Southern Lady – Mrs. Hollingsworth – zu beeindrucken, sowie wenigstens in seiner pubertären Fantasie mit ihr zu schlafen wünscht. Und sie will es doch auch!

Die Zuhörer und -schauer in Malchin konnten sich an Harry Rowohlts „mimischen Gewittern“ schadlos halten. Er kam mit einer Flasche Wasser (natriumarm!) über die Runden. Foto: Ralph Schipke

Wer es skurril mag und das Spiel mit Sprache liebt, hat den richtigen Griff mit diesem Buch getan. „Shades of Grey“ ist dagegen kalter Muckefuck oder Whiskey mit ganz viel Eis samt Strohhalm, auf dem Niveau von Blümchensex.

Für die sprachlich aller-oberste Liga garantiert Übersetzer Harry Rowohlt (Lindenstraße, Pu der Bär, Flann O’Brien), der wohl zu den wenigen seiner Zunft gezählt werden darf, die als Verkaufsargument und Kassenschlager des Verlages auf den Buchumschlag gedruckt gehören.

Er ist halt einer, der uns so schöne Wörter wie die Pinökel – das als Wort einfach gern anstelle irgendwelcher eher unnormaler kleinerer Dinge benutzt werden kann – schenkt. Ein Wort, das nicht mal im Duden zwischen Pinocchio, Pinole und Pinscher einen würdigen Platz finden durften. Jedoch auf Waynes Dach, in der Geschichte von Powell in der Übersetzung von Rowohlt.

Ralph Schipke

Padgett Powell: Schrottplatz der gebrochenen Herzen – aus dem Englischen von Harry Rowohlt, Berlin Verlag, 299 Seiten, 9,99 Euro, ISBN 9783827003089.

Über die Käffer nach Malchin

In seinem Job als „Über-die-Käffer-Tingeler“ besuchte Harry Rowohlt die Lesegemeinde im tiefsten Mecklenburg. Der Geschichtenerzähler, „Lindenstraßen“-Penner, Nicht-Verlags-Chef, Übersetzer und Sankt-Pauli-Fan war ganz und gar trocken, über große Strecken rauchfrei und hatte viel Neues zu erzählen.

Dass einem als Berichterstatter gleich auf der Freitreppe der Star des Abends beim „Auf-Vorrat-Rauchen“ abfängt und ein Interview aufnötigt, passiert eher selten. Wenn er dann in der Lesung selbst so manche Spitze gegen fehlerhaft zitierende Journalisten loslässt, kann einen der Mut schon verlassen.

An der Originalität des Multi-Quatschkopfs Harry Rowohlt kann sich sowieso kaum einer messen. Was also tun? Man klaut eine Ideen von ihm. Als Übersetzer stellt er seinen Autoren – so sie noch leben – auch gerne Fragen, wie was wohl gemeint sei, um es formvollendet in die deutsche Sprache zu überführen.

So vor Jahren dem US-amerikanischen Schriftsteller Kurt Vonnegut („Mann ohne Land“, 2006). Von dem wollte er wissen: Was das „Weiße in der Vogelscheiße“ denn nun eigentlich sei? Ebenfalls Vogelscheiße natürlich! – antwortete der Autor von „Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug“ seinem Übersetzer.

„Wer vorher geht, kann mir nur leid tun“

Welche Fragen stellt man, der Chronistenpflicht unterliegend, einem Rowohlt, der mittlerweile 176 Bücher übersetzt, zahlreiche CDs „vollgequatscht“ hat. Der in seinem Leseprogramm erst Anfang und dann Schluss einer Kinderbuch-Übersetzung („Sie sind ein schlechter Mensch, Mr. Gum!“ von Andy Stanton) voller Verve vorträgt, zwischendurch „Kleinscheiß“ zum besten gibt (nach alter Rechtschreibung!). Der nach der Pause vier politisch absolut unkorrekte Witze erzählt, die hier auf keinen Fall wiedergegeben werden können. Der internationale Hymnen zum Vortrage bringt und „einen Hammer“ dabei hat: „Wer vorher geht, kann mir nur leid tun.“ Wer nicht gekommen war, mir persönlich auch…

Nacktheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Toleranz ist die wichtigste Camper-Tugend – auch beim FKK-Camping. Zwei Nacktcamp-Veteranen erinnern sich noch gut an die Anfänge.

Die Ottos aus Dresden kommen schon seit vielen Jahren zum Urlaub im Freien in die Mecklenburgische Seenplatte. Foto: Jenna Dallwitz – www.jennadallwitz.de

Um die Freikörperkultur im Osten der Republik ranken sich viele Legenden. Darunter die: In den 50er Jahren soll Kulturminister Johannes R. Becher in den Dünen des Darß eine nacktbadende Frau angeschrien haben mit den Worten: „Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau?“ Denn nicht allen Funktionären war die körperliche Freizügigkeit damals recht. Allein: Die „alte Sau“ war die Schriftstellerin Anna Seghers, Autorin unter anderem des weltbekannten Romans „Das siebte Kreuz“.

Doch allem Offiziellem zum Trotz wurde alsbald nicht nur nackt gebadet, sondern auch gecampt. Auch an den Binnenseen der Mecklenburgischen Seenplatte. Zwei Dresdner Nackt-Camper, Edda und Dietmar Otto, konnten einiges davon direkt miterleben. Sie sind bis heute Anhänger hüllenloser Urlaubsfreuden. Auch in diesem Frühjahr starteten sie planmäßig ihre hüllenlose Saison auf ihrem Stammplatz – dem FKK-Camping am Useriner See nahe der Stadt Neustrelitz, nördlich von Berlin.

„Damals haben wir für 1,50 Ostmark pro Tag hier ab Mai gleich für vier Wochen gebucht“, erinnert sich das Paar – sie war bis zur Pensionierung Krippenerzieherin, er Maschinenbauingenieur. Ganz am Anfang hätten die Camper noch alles Organisatorische selbst in die Hand genommen.


Der ganze Beitrag erschien in Magazin „Der Fritz“ in der auschließlich gedruckten Ausgabe vom 13. Juni 2014. Später wurde das Thema vom FKK-Camping in der Seenplatte auch von der Regionalzeitung Nordkurier aufgegriffen.

Danke an Jenna Dallwitz – www.jennadallwitz.de – die beim ersten Mal die tollen Fotos für den Fritz gemacht hat. Leider hat sich das Magazin aus Berlin/Brandenburg nicht am Markt gehalten.